VR BankenService packt’s an – ein regionales
Outsourcing-Konzept macht im genossenschaftlichen FinanzVerbund Schule
Weniger Fertigungstiefe bringt hohe
Produktivitätspotenziale
Reinhold Frieling, Vorstand bei der Volksbank Gütersloh,
bringt es auf den Punkt: „Banken verspüren einen stärker werdenden Druck auf
ihre Ertragslage. Daher sind wir gezwungen, unseren Blick weiter zu schärfen,
sowohl im Hinblick auf Kosteneinsparungen als auch bei der Steigerung unserer
Erträge. Das Auslagern von Geschäftsprozessen sehen wir als wirkungsvollen
Ansatz, den Anforderungen des Marktes zu begegnen.“ Die Volksbank Gütersloh ist
eine von inzwischen rund 20 Volks- und Raiffeisenbanken, die Standard-Prozesse
im Zahlungsverkehr an die vor zwei Jahren gegründete VR BankenService GmbH
& Co. KG auslagert.
Die VR BankenService bündelt Backoffice-Aufgaben in den
Bereichen Zahlungsverkehr, Marktfolge Passiv, Revision und Recht im
genossenschaftlichen FinanzVerbund. Gegründet wurde die VR BankenService von
der GAD eG, der WGZ BANK AG sowie den mittlerweile fusionierten Volksbanken
Detmold und Paderborn-Höxter.
Die Notwendigkeit, im genossenschaftlichen FinanzVerbund ein
solches Kompetenzzentrum zu gründen, zeigt die Diskussion, die seit geraumer
Zeit geführt wird: Gerade regional orientierte Banken müssen eher heute als
morgen ihre Struktur überdenken, um weiterhin erfolgreich im Markt zu bestehen.
In der Praxis heißt das, dass diese Banken auf der einen Seite ihr
Produktportfolio kontinuierlich erweitern müssen, um ihre Ertragskraft zu
steigern. Auf der anderen Seite stehen sie vor der Entscheidung, inwiefern sie
Produktionsprozesse standardisieren und diese sogar an externe Dienstleister
auslagern sollen. Hinter der Frage nach dem „Make or Buy“ steht bei den Banken
die Konzentration auf ihre Kernkompetenzen, um die Ertragslage zu verbessern.
Da Banken seit jeher mit einer großen Fertigungstiefe zu kämpfen haben, sehen
sie im Outsourcing von Standardprozessen hohe Optimierungspotenziale.
Zahlungsverkehr im Fokus der Banken
Das Outsourcing-Modell der VR BankenService verschafft Banken
sowohl Kosten- als auch Qualitätsvorteile. Mehrheitlich lagern die Kunden der
VR BankenService derzeit Backoffice-Tätigkeiten im Zahlungsverkehr aus. Mit der
Lockerung der Richtlinien für das Auslagern von Prozessen in Banken durch die
Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) im Herbst vergangenen
Jahres verbindet der Geschäftsführer der VR BankenService, Burkhard Näther,
eine stark steigende Nachfrage. Es gibt kaum noch Einschränkungen bei der
Auslagerung von Prozessen. Sogar die Kreditrevision kann inzwischen ausgelagert
werden.
„Zukünftig haben Banken auch die Möglichkeit, Tätigkeiten an
Dienstleister auszulagern, die Spezialkenntnisse erfordern. Vor diesem
Hintergrund denken wir beispielsweise darüber nach, auch die interne
Kreditrevision neu in unser Leistungsportfolio aufzunehmen“, erklärt Burkhard
Näther. „Aber auch Dienstleistungen im Bereich der standardisierten
Kreditabwicklung (Marktfolge Aktiv), des Personalwesens (Abrechnung etc.) oder
der Informationstechnologie rücken aktuell stärker in den Fokus der Banken“,
fährt er fort.
Spezialwissen lenkt von Kernkompetenzen ab
Treiber für diesen Trend sind zum Beispiel die komplexer
werdenden Compliance-Bestimmungen. Bankmitarbeiter müssen kontinuierlich
zusätzliches Spezialwissen aufbauen. „Das lenkt sie von ihrer Kerntätigkeit
– nämlich der Beratung – ab. Zudem ändern sich die gesetzlichen
Bestimmungen innerhalb kurzer Zeit, so dass die Berater in den Banken kaum hinterherkommen“,
beschreibt Burkhard Näther das Dilemma. Die VR BankenService arbeitet daher
bereits am Aufbau von Spezialisten, die zukünftig solche Aufgaben für die
Banken übernehmen sollen.
Vor diesem Hintergrund blickt der Geschäftsführer der VR
BankenService einem raschen Wachstum des erst zwei Jahre alten Unternehmens
entgegen. Vor allem für kleine und mittelgroße Banken ist der
Outsourcing-Ansatz interessant. Das Vorhalten einer eigenen Infrastruktur für
Standardprozesse ist für diese Institute meist mit hohen Kosten verbunden.
Produktivitätsvorteile von über 50 Prozent
Die Banken profitieren einerseits von Qualitätssteigerungen
durch die Spezialisierung und andererseits von Kosteneinsparungen durch die
Bündelung von Massen. „Die Auslagerung von Backoffice-Tätigkeiten im
Volumen-starken Zahlungsverkehr bringt den Banken signifikante
Produktivitätsvorteile von bis zu 50 Prozent“, nennt Burkhard Näther erste
Zahlen. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass Bankmitarbeiter nicht
mehr für Ressourcen-bindende Standard-Prozesse eingesetzt werden müssen und
mehr Freiräume für Beratertätigkeiten haben.
Fixe Kosten werden variabel
Die Volksbank Gütersloh lagert seit knapp einem Jahr die
Belegbearbeitung im Zahlungsverkehr an die VR BankenService aus. Aufgrund der rückläufigen
Entwicklung des Belegvolumens überprüfte die Volksbank die Wirtschaftlichkeit
des Bereiches. Bislang waren zwei Mitarbeiter mit der Bearbeitung von rund
2.000 Belegen pro Tag beschäftigt. „Wir haben uns von der VR BankenService ein
Angebot eingeholt und unsere fixen Personalkosten gegen die nun variablen
Sachkosten abgewogen. Inzwischen sparen wir mit der Auslagerung der
Belegbearbeitung an die VR BankenService rund 30.000 Euro jährlich ein“, fasst
Vorstandsmitglied Reinhold Frieling die Kostenvorteile zusammen. Tendenz weiter
sinkend. Denn bei einem rückläufigen Belegvolumen sinken auch die Sachkosten
für die externe Bearbeitung der Belege.
Dabei darf die Qualität jedoch nicht auf der Strecke bleiben.
„Wir haben hohe Ansprüche an die Belegverarbeitung. Trotz der Zusammenarbeit
mit einem externen Dienstleister hat sich die Qualität nicht verändert“, zeigt
sich Reinhold Frieling zufrieden. Damit kommt auch der regionale Charakter der
VR BankenService zum Tragen. „Die Wege sind kurz, wir waren von Anfang an in
Kontakt mit den am Bearbeitungsprozesse beteiligten Personen“, ergänzt er. Auch
die Umstellung verlief reibungslos. Mussten die Belege anfangs noch per Kurier
zur VR BankenService transportiert werden, läuft die Arbeitsübergabe heute
komplett IT-basiert.
bank21 als technologische Basis für Outsourcing
Damit ein Geschäftsmodell wie das der VR BankenService
funktioniert, benötigt man eine Bankenanwendung, die ein Unternehmen in die
Lage versetzt, als „verlängerte Werkbank“ zu agieren. Die technologische Basis
für die Prozess-Standardisierung bildet bank21, das Bankenverfahren der GAD eG.
Die bislang einzigartige Kernfunktion von bank21 ist die
Mehrmandantenfähigkeit, die solche Outsourcing-Modelle technisch erst möglich
macht. Voraussetzung ist der so genannte „Mandantenvertrag“. Im
Mandantenvertrag sind die Vereinbarungen und Kompetenzen wechselseitig
festgelegt. Diese definieren, welcher Mitarbeiter der VR BankenService an
welcher Stelle des Geschäftsprozesses eine Zugriffsberechtigung erhält.
Tickets übernehmen die elektronische Arbeitsübergabe
Die Übergabe der Prozesse von der Bank zur VR BankenService
läuft über die elektronische
Auftragskurzerfassung – in der Kurzform „Ticket“ genannt. Die Mitarbeiter
der VR BankenService werden so zu „virtuellen“ Mitarbeitern der Bank.
Grundsätzlich können die Mandantenbefugnisse von Mandant zu Mandant
unterschiedlich sein. Um die vereinbarte Leistung und eine gleich bleibende
Qualität zu gewährleisten, schließt die VR BankenService mit jedem Mandanten
ein Service-Level-Agreement. Rund 20 Banken sind derzeit an das System der VR
BankenService angeschlossen.
Voraussetzung für eine sinnvolle Bündelung der
Backoffice-Tätigkeiten in einem Kompetenzzentrum wie der VR BankenService sind
einheitliche Prozess-Standards. Diese wurden von Beginn an auf Basis der
Ergebnisse des BVR-Projektes „Geschäftsprozessoptimierung“ erarbeitet. Die
Bearbeitungsprozesse wurden in Teilschritte zerlegt und klar definiert, so dass
jeder Mitarbeiter bei der VR BankenService für unterschiedliche arbeitsteilige
Prozesse eingesetzt werden konnte.
Regional-Modell mit Vorbild-Charakter
„Nach der Anlaufzeit von knapp einem Jahr verzeichnen wir bei
der VR BankenService eine stetig wachsende Nachfrage“, sagt Burkhard Näther.
Dies kann Frank Wienker, Leiter Key Account bei der GAD und Mitglied im
Steuerungsteam VR-BankenService, nur bestätigen. „Wir sehen eine hohe
Marktbereitschaft an arbeitsteiligen Lösungen. Derzeit denken viele Banken über
Outsourcing-Modelle nach.“ Sowohl die VR BankenService als auch die GAD gehen
davon aus, dass sich weitere Outsourcing-Center nach diesem Vorbild auch in
anderen Regionen bilden werden.
Blickt man einige Jahre zurück, wird schnell klar, warum
solche Kompetenzzentren regional orientiert sind. Die beiden
genossenschaftlichen Rechenzentren GAD und Fiducia haben mit der
Context-Management Consulting im Rahmen einer Studie untersucht, inwiefern eine
zentrale Finanzfabrik zur Übernahme von Standardprozessen „auf der grünen
Wiese“ aufgebaut werden kann. „Der Business Case war damals mehr als
attraktiv“, erklärt Frank Wienker.
Fachpersonal bedingt Regionalität
Der einzige Haken an diesem viel versprechenden Projekt war
der Mangel an Fachpersonal. Potenzielle Mitarbeiter hatten ihren
Lebensmittelpunkt bundesweit verstreut und waren in der jeweiligen Region
heimisch. „Wir haben gelernt, dass ein solches Projekt nur regional-orientiert
Erfolg haben kann. Mit der VR BankenService haben wir deshalb ein regionales
Kompetenzzentrum aufgebaut“, erzählt Frank Wienker. Und das macht Schule.
Regionen wie Sachsen-Anhalt, Hamburg, Nordrhein-Westfalen arbeiten bereits an
ähnlichen Projekten. „Die regionalen Bankenverbände empfehlen ihren Banken,
sich an den entstehenden Outsourcing-Modellen zu orientieren“, beschreibt Frank
Wienker die Erfolgsgeschichte.
Flexibler Einsatz der Mitarbeiter
Vor dem Hintergrund der regionalen Verbundenheit war es für
die VR BankenService essenziell, das richtige Personal zu finden. „Wir konnten
die Mitarbeiter teilweise aus den Banken rekrutieren. Da Banken Teilbereiche
aufgelöst haben, haben sich die Mitarbeiter auf offene Stellen bei uns
beworben“, erklärt Burkhard Näther. Ein weiterer Vorteil aus seiner Sicht: Die
VR BankenService muss seine Mitarbeiter nicht nach Bankentarif bezahlen, da für
Standardprozesse der Einsatz von Fachpersonal nicht zwingend notwendig ist.
Teilzeitmodelle ermöglichen zusätzlich einen flexiblen Personaleinsatz. „Wir
verstehen uns als Cost-Center. Dadurch sind wir in der Lage, die Preise
gegenüber den Mandanten jederzeit flexibel nach unten anzupassen“, beschreibt
Burkhard Näther das wirtschaftliche Konzept.
Outsourcing als neues Geschäftsmodell für
IT-Dienstleister
Die GAD sieht im Erfolg der VR BankenService ein weiteres
Beratungsfeld, da sich auch bei ihr die Anfragen häufen. „Wir werden sehr oft
darauf angesprochen, wie ein solches Modell in anderen Regionen aussehen
könnte. Natürlich würden wir gerne weitere Projekte dieser Art begleiten mit
dem Ziel, in ganz Deutschland solche Kompetenzzentren aufzubauen. Schließlich
ist die IT der Schlüssel für den Erfolg dieser arbeitsteiligen Konzepte“,
beschreibt Frank Wienker die Motivation der GAD. „Wir können uns sogar
vorstellen, eine Gesellschaft zu gründen, die Outsourcing-Projekte bundesweit
plant und umsetzt“. Dieses Modell ist dabei nicht nur für externe
Kompetenzzentren interessant. Auch für große Banken lohnt sich beispielsweise
der Aufbau eines „Marktfolge-Centers“, in dem Standardprozesse gebündelt
werden. Kleinere Banken können sich anschließen und von der Bank diese
Dienstleistung beziehen.
Hinter allem steht die Notwendigkeit, dass arbeitsteilige
Prozesse ein homogenes System bedingen. „Wir sehen langfristig nur Vorteile in
der Bündelung von Prozessen, wenn alle Kompetenzzentren mit der gleichen technologischen
Basis operieren. Vor allem, wenn auch Banken untereinander als In- bzw.
Outsourcer agieren“, sagt Frank Wienker. Mit bank21 hat die GAD bereits eine
Plattform geschaffen, die diesen Anforderungen begegnet und individuelle
Sourcing-Modelle ermöglicht.
Ausblick: Make-or-Buy ist die Herausforderung der Zukunft
Der Erfolg der VR BankenService zeigt das Potenzial, das in
solchen Outsourcing-Modellen steckt, um die Kosten- und Margensituation der
Banken positiv zu beeinflussen. Dass nicht nur Bereiche mit hohen Volumina wie
der Zahlungsverkehr zukünftig verstärkt ausgelagert werden, zeigt die
Einschätzung von Burkhard Frieling von der Volksbank Gütersloh: „Wir können es
uns gut vorstellen, weitere Bereiche auszulagern, da der Druck auf die Ertragslage
weiter zunehmen wird. Wir nehmen regelmäßig unterschiedliche Bereiche unter
Make-or-Buy-Aspekten unter die Lupe. Zwar sehen wir uns derzeit noch gut
aufgestellt, das kann sich aber mittelfristig ändern.“
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Mehrmandantensystem unter bank21
Grundsätzlich gilt:
Jede Bank gilt unter bank21 als Mandant
Ein Mandant kann verschiedene Mandantenrollen ausüben
Jeder Mandant schließt einen Mandantenvertrag ab, der
Komptenzen vergibt
Der Mandantenvertrag regelt, welche Leistungen erbracht
werden, welche Kompetenzen dazu notwendig sind und welche Qualitätsvorgaben
gelten (Service Level Agreement)
Wurden in einfachen Mandantensystemen Kompetenzen einzelnen
Mitarbeitern zugeordnet, erfolgt heute eine Rollenzuteilung. Eine Bank kann
Kompetenzen damit individueller und flexibler steuern.
Mit der Mehrmandantenfähigkeit können durchgängige,
unternehmensübergreifende Prozesse abgebildet werden. Unter bank21 bildet sich
die Mehrmandantenfähigkeit folgendermaßen ab:
Über Single-Sign-on meldet sich der Mandant (z. B.
Mitarbeiter der VR BankenService mit User-ID und Passwort in bank21 an und
erhält auf einen Blick alle für ihn vergebenen Mandante (z. B. Volksbank
Gütersloh, Volksbank Paderborn-Höxter, etc).
Über eine Funktion im bank21-Menü wechselt der Mitarbeiter je
nach Aufgabe zwischen den ihm zugeteilten Mandanten. Eine erneute Anmeldung ist
nicht mehr nötig. Abhängig vom Mandanten sieht der Mitarbeiter sofort, welche
Geschäftsvorfälle ausgelagert sind und welche Aufgaben anstehen. Am Beispiel
der VR BankenService gehören bis zu 20 Banken (Mandanten) zum Kompetenzkreis
eines Mitarbeiters.
Im Vergleich zu den klassischen Mandantensystemen wie SAP ist
beim Mehrmandantensystem von bank21 keine Zusatzanmeldung für andere Mandanten
nötig.