Mehr als das klassische Bankgeschäft – Neue Ideen
für die SB-Zone
Herr Lederer, die Volks- und Raiffeisenbanken bieten seit
kurzem im SB-Bereich Services, die weit über das klassische Bankgeschäft
hinausgehen. Warum dieser Schritt?
Aus strategischer Sicht ist dieser Schritt sehr wichtig. Zum
einen wird die Konkurrenz der Near- und Nonbanks stetig größer. Zum anderen
drängt der Handel verstärkt in Bereiche, die bislang klassisch der
Kreditwirtschaft vorbehalten waren. Angesichts dieser Marktveränderungen ist
eines sehr deutlich: So wie bisher werden Banken sich nicht mehr erfolgreich
positionieren können. In Teilbereichen des Bankgeschäftes wird es fundamentale
Änderungen der Geschäftsmodelle geben, das steht heute bereits fest.
Zukunftsforscher prognostizieren sogar, dass Banken sich zu Life-Companions, so
genannten Lebensbegleitern, entwickeln werden. Und da decken Leistungen wie die
Kreditvergabe, die Anlageberatung oder die bloße Abwicklung des
Zahlungsverkehrs nur noch einen Bruchteil des gesamten Leistungsspektrums ab.
Wollen sich Banken also zukünftig am Markt behaupten, werden sie völlig neue Wege
gehen müssen. Ein erster Schritt ist es, den Kunden mit einem attraktiven
Mehrwert zu gewinnen und zu binden. Für neue Ideen - speziell im SB-Bereich -
bieten sich Volks- und Raiffeisenbanken geradezu an. Denn sie verfügen mit mehr
als 14.000 Bankstellen über das zweitgrößte Vertriebsnetz in ganz
Deutschland. Allein im Geschäftsbereich der GAD sind 15.000 SB-Geräte wie
Kontoauszugsdrucker und Geldautomaten
in Betrieb.
Die Stärken der VR-Banken liegen in der regionalen Nähe sowie
in der persönlichen und sehr vertraulichen Beziehung zum Kunden. Diese Stärken
können sie bei solchen neuen Services mit Mehrwert sehr gut einbringen. Das ist
im Wettbewerb ein enormer Vorteil.
Bieten die neuen Ideen und Projekte tatsächlich
Potenzial? Werden sie vom Kunden angenommen?
Ja, sie werden. Das beste Beispiel dafür ist derzeit die
Dienstleistung Cash & Go. Bankkunden können ihre Prepaid-Handys an
Geldautomaten der Volksbanken und Raiffeisenbanken aufladen. Das kommt beim
Kunden sehr gut an. Im Schnitt hatten wir in den letzten Monaten rund 7.000
dieser Transaktionen pro Tag. Und obwohl dieselbe Dienstleistung im Internet
angeboten wird, gehen fast 70 Prozent der Kunden lieber in die Bank und nutzen
das SB-Gerät.
Außerdem wissen wir, dass der Kunde SB-Geräte sehr gut
akzeptiert und häufig nutzt. Das zeigen 190 Millionen Abhebungen an
Geldautomaten und 221 Millionen Kontoauszüge
jährlich allein im Geschäftsgebiet der GAD. Die Tendenz ist weiter steigend.
Studien zeigen im Übrigen, dass der Kunde sich sehr gut
vorstellen kann, am Geldautomaten auch bankfremde Dienstleistungen zu bekommen.
Dazu zählen Informationen zur Stadt, Fahrkarten für öffentliche Verkehrsmittel,
Anträge bei der Kommune – beispielsweise für einen Parkausweis - und
vieles mehr. Die Chancen sind also sehr gut, mit Innovationen die Wünsche der
Bankkunden zu erfüllen.
Welche weiteren Dienstleistungen könnten im SB-Bereich
angeboten werden?
Ganz aktuell ist das Projekt „TicketService“ zu nennen. Wir
setzen es gemeinsam mit der Firma Ticketcorner um. Ab 2006 können Bankkunden über die SB-Geräte im
Geschäftsgebiet der GAD Tickets kaufen. Das ist bundesweit einmalig. Im
Programm werden insgesamt 25.000 Sport-, Show- und Kulturveranstaltungen
stehen. Die Pilotierung wird im April 2006 in der Region Braunschweig bzw.
Wolfsburg starten.
Vorstellbar wäre es in Zukunft auch, Eintrittskarten beim
Kauf am SB-Gerät digital auf der EC-Karte zu speichern oder diese online nach
dem Kauf an das Einlass-System des Veranstalters zu übermitteln. An vielen
Veranstaltungsorten oder Stadien gibt es bereits Systeme, die diese
elektronischen Eintrittskarten erkennen können und den Zutritt kontrollieren.
Wir bieten damit eine lückenlose Prozess- und Logistikunterstützung an; vom
Anbieter über den Käufer bis hin zur Ticketnutzung.
Sinnvoll sind auf jeden Fall Kooperationen mit anderen
Partnern oder Einzelhändlern vor Ort. Ein einfaches Beispiel sind
Bonusprogramme. Am SB-Gerät könnte der Kunde den aktuellen Stand seines
Bonuskontos einsehen oder Punkte einlösen.
Beim Kauf von Bahnfahrkarten müsste ich zukünftig nicht mehr
extra zum Bahnhof fahren. Die Karte bekäme ich bei der Volks- und
Raiffeisenbank in meiner Nähe. Sie ist an vielen Standorten präsent. Und zwar
auch dort, wo der Kunde weder einen Kartenautomaten noch eine andere
Anlaufstelle für den Kartenkauf hat.
Es wäre sogar denkbar, eine Taxiruf-Zentrale in den
SB-Bereich einer Bank zu integrieren. SB-Zonen sind kameraüberwacht, der
Zutritt außerhalb der Geschäftszeiten nur mit Karte möglich. Dort könnte man
auf sein Taxi ungestört warten.
Wie profitieren die Banken von den neuen Angeboten?
Sie profitieren in mehrerer Hinsicht. In erster Linie können
sie bei vielen Projekten finanziell durch die Provisionen profitieren. Außerdem
können sie mit einem hohen Imagegewinn rechnen. Und, der Kunde besucht wieder
öfter seine Bank. Dieser letzte Punkt ist aus meiner Sicht strategisch
besonders wichtig. Denn dadurch bekommt die Bank die Chance, mit dem Kunden
persönliche Gespräche zu führen und ihn für weitere Dienstleistungen zu
interessieren.
Genau hier vollzieht sich aus meiner Sicht derzeit ein
Strategiewandel. In den vergangenen Jahren hat sich die Kreditwirtschaft
zunehmend aus dem Filialgeschäft zurückgezogen. Für die Volks- und
Raiffeisenbanken mit ihrem Multikanalansatz ist und bleibt die Filiale jedoch
weiterhin eine der wichtigsten Vertriebswege.
Kunden mit attraktiven Angeboten in die Bank zu holen, ist
ein wichtiger Aspekt für die Kundengewinnung und Kundenbindung. Aber
strategische Veränderungen könnten noch viel weiter gehen. Fachleute denken
bereits laut über neue Konzepte für die Selbstbedienung nach. Sie könnten sich
vorstellen, die SB-Zone aus den genannten Gründen wieder verstärkt in die
Räumlichkeiten der Filiale zu integrieren. Das würde den persönlichen Kontakt
zwischen Bankmitarbeiter und Kunde weiter fördern. Der verstärkte Einsatz der
SB-Technik hat bei den VR-Banken jedoch ganz und gar nicht das Ziel, Kunden zu einer
Art Direktbankkunden zu machen. Wir verstehen diese Technik als Mehrwert für
den Kunden.
Und die Kooperationspartner, welche Vorteile haben Sie?
Sie nutzen eine gut ausgebaute Vertriebsstruktur und haben
mit rund 30 Millionen Bankkunden in Deutschland eine sehr große Zielgruppe.
Außerdem bedienen sie sich eines sehr stabilen, sicheren und vom Kunden
akzeptierten Systems. Ein wichtiges Argument ist auch die Zahlungssicherheit,
die die Kooperation mit Volks- und Raiffeisenbanken attraktiv macht. Das
Lastschriftverfahren ist unsicher, weil Kunden die Lastschrift zurückgeben
können. Kreditkartenzahlungen gegenüber haben Kunden nach wie Vorbehalte.
Dagegen können sie am Geldautomaten Tickets wie gewohnt mit der EC-Karte
bezahlen. Und der Anbieter kann sicher sein, dass er sein Geld bekommt.
Bleibt die Frage nach den Vorteilen für die Bankkunden?
Hier spielen die Faktoren eine Rolle, die Voraussetzungen für
ein sinnvolles Angebot sind. Das heißt, die Kunden profitieren insbesondere
durch das dichte Filialnetz und damit von der Nähe. Um eine Fahrkarte zu
kaufen, müssen sie beispielsweise keine langen Wege zum Bahnhof zurücklegen.
Das ist besonders dort interessant, wo sie weder am gewünschten Abfahrtbahnhof
noch im Ort selbst eine Fahrkarte kaufen können. Wenn sie ins Theater gehen,
können sie noch bis zum letzten Tag Karten kaufen. Die Zustellung auf dem
Postweg ist nicht notwendig, weil sie auf dem Weg zur Veranstaltung in der
SB-Zone der Bank gekauft und ausgedruckt werden. An der Abendkasse muss der
Kunde dann nicht mehr in der Schlange stehen. Und eventuell bekommt er dafür
auch noch einen Rabatt auf die Karte. Es lohnt sich also für den Kunden, zur
Bank zu gehen. Sein Partner in Finanzgeschäften bietet ihm weitere
Dienstleistungen mit Mehrwert für den Kunden.
Vielen Dank für das Gespräch.
Die GAD eG ist das IT-Kompetenzcenter für rund 490 Volks- und
Raiffeisenbanken, für die Zentralinstitute und weitere Unternehmen im
genossenschaftlichen FinanzVerbund sowie für Retailbankanwendungen im deutschsprachigen
Raum. Seit über 40 Jahren entwickelt die GAD zukunftsfähige bankenspezifische
IT-Lösungen von der Analyse und strategischen Beratung bis zur technischen
Umsetzung. Mit bank21 bietet die GAD eG ein einzigartiges Bankenverfahren, das
die Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit von Banken erhöht und auf
zukünftige Marktanforderungen ausgerichtet ist. Darüber hinaus entwickelt die
GAD zukunftsweisende Selbstbedienungs-Anwendungen für Bankkunden. Als
Rechenzentrum und IT-Dienstleister ist die GAD eG Outsourcing-Partner für hochwertige
und sichere Services.