Social Media
Governance – Manager sind gefordert
Von Stephan Fink, Vorstand, Fink & Fuchs Public Relations AG
So stark Social Media
und Web 2.0 in den Medien diskutiert werden, so wenig scheinen Unternehmen auf
den Umgang mit dem Thema vorbereitet zu sein: Während 400 Millionen Menschen
weltweit in Facebook und weitere 100 Millionen in Twitter unterwegs sind,
reagieren laut neueren
Studien weltweit rund die Hälfte der Firmen mit Social-Media-Sperren
am Arbeitsplatz – Wohl aus Vorsicht, weil ihnen das Know-How fehlt und sie
keine adäquaten Strategien für Social Media haben.
Der Status Quo
Zwar rechnet eine
stetig wachsende Zahl an Managern gerade im Kommunikationsbereich mit einem
Bedeutungszuwachs sozialer Netzwerke und Tools (vgl. European
Communication Monitor). Der aktuelle Einsatz jedoch steht noch immer
am Anfang. Übergeordnete Strategien sind in Unternehmen nur selten zu finden
und das Commitment des Top-Management fehlt, so eine aktuelle Studie der
Universität St. Gallen. Oft getrieben durch das Engagement einzelner
Mitarbeiter oder Abteilungen, finden zwar immer mehr Social-Media-Applikationen
Anwendung. Diese sind meist aber für sich isoliert, unterlau- fen teilweise
anarchisch bestehende organisatorische Regelungen und nehmen somit quasi den
Charakter einer Schatten-IT-Infrastruktur
an. Viele Manager haben schon von den Gefahren des Social Web gehört und eine
wahrscheinlich kleinere Zahl ahnt, dass es dort auch Chancen für die eigene
Organisation gibt. Aber diejenigen, die sich strategisch im Sinne einer
übergeordneten Entwicklung zu Enterprise 2.0 – also dem
Einsatz von Social Software
im Projekt- und Wissensmanagement
– mit dem Thema auseinandersetzen, sind noch in der Minderheit.
Gleichzeitig bringen
immer mehr Mitarbeiter mit ihren Smartphones und Notebooks die persönliche
Social-Media-Welt mit ins Büro. Immerhin sind schon weit über 30 Millionen
Bundesbürger in sozialen Netzwerken aktiv. Da geht es nicht nur um neue
Anforderungen hinsichtlich privater Kommunikation während der
Arbeitszeit, sondern auch um den Umgang mit Unternehmensthemen im Social Web
und – gerade in sicherheitssensiblen Bereichen – um Vertraulichkeit,
Datenschutz und Wahrung von Betriebsgeheimnissen, wie auch im Spiegel unter dem
Titel „Verhaltensregeln für das Web 2.0“ jüngst nachzulesen war. Nicht zuletzt
erwarten gerade jüngere Mitarbeiter, dass ihre Arbeitgeber die Möglichkeiten
der neuen Kommunikationsform – wo sinnvoll – produktiv nutzen, egal in welchem
Unternehmensbereich.
Ein möglicher Weg
Aus meiner Sicht ist
„Social Media Governance“ kein schlechter Begriff für den strategischen Umgang
mit der wachsenden Zahl offener Fragen, mit denen sich Unternehmen oder
Verwaltungsinstanzen konfrontiert sehen:
-
Wo
werden Social Media bei uns und in unserem Eco-System (Marktpartner, Kunden,
u.a.) schon genutzt?
-
Wird
über unser Unternehmen und unsere Themen schon im Social Web diskutiert oder
berichtet?
-
Welche
Bedeutung haben Social Media für unser Unternehmen und unsere
Geschäftsprozesse?
-
Welche
Chancen und Risiken sind damit verbunden?
-
Wie
gelingt es uns, Social Media erfolgreich in die eigene Organisation zu
integrieren?
-
Welche
Ressourcen werden dafür benötigt?
-
Wie
sorgen wir dafür, dass Gesetze, verpflichtende organisatorische Anforderungen
oder Branchen-Kodizes nicht verletzt oder unterlaufen werden?
-
Wie
stellen wir als Unternehmen sicher, dass aus den Social-Media-Aktivitäten von
Mitarbeitern kein Schaden für deren Karriere oder das Unternehmen entsteht?
-
Wie
gelingt es einem Unternehmen, über das Empowerment der eigenen Mitarbeiter eine
zukunftsgerichtete Organisation aufzubauen, die mit der beschleunigten
Entwicklung der Netzgesellschaft Schritt hält?
Social Media Governance
beginnt bei der Frage nach Social Media Guidelines, reicht über die Entwicklung
tragfähiger Strategien und die Definition klarer Verantwortlichkeiten bis hin
zur zielgerichteten Förderung der Medienkompetenz von Mitarbeitern für den
Umgang mit der neuen Medien- und Arbeitswelt. Gerade bei Letzterem besteht, wie
vielfältige Studien belegen, noch jede Menge Nachholbedarf und aus meiner Sicht
durchaus auch eine Fürsorge- und Aufklärungspflicht der Arbeitgeber. Letztlich
gilt es, die Mitarbeiter in den verschiedenen Unternehmensbereichen (F&E,
Produktion, Marketing, PR, Vertrieb, HR, Finanz u.a.) auf einen Lernprozess einzustimmen,
der die Chancen von Social Media analysiert, wo sinnvoll ausschöpft und die
Zukunftsfähigkeit des Unternehmens sichert. Bei der Gestaltung des dafür
erforderlichen Rahmens sind Unternehmer und Manager gefordert.
Erfreulicherweise scheinen dies – nicht zuletzt aufgrund der breiten
Medienberichterstattung – langsam immer mehr Verantwortliche zu erkennen. Dass
manches deutsche Unternehmen die Chancen und den Trend zu Web 2.0 erkannt hat,
zeigt ein Bericht von CIO-Online zu den IT-Strategie-Tagen in Hamburg.
Lufthansa-CIO Thomas Endres bezeichnete Web 2.0 als Selbstläufer, Jürgen Burger
vom Logistikunternehmen Hellmann sieht mehr Chancen als Risiken und für Markus
Bentele von Rheinmetall ist Social Media ein Muss, das junge Mitarbeiter, die
viel zitierten Digital Natives, einfordern.
Chance für das
Kommunikationsmanagement
Bislang ist die
Verantwortung für Social Media in Unternehmen meistens nicht verbindlich
geregelt. Wer ist zuständig für übergeordnete Regelungen, wer sorgt für das
Empowerment der Organisation, wer beobachtet die rasante technische Entwicklung
und sorgt für die Auswahl adäquater Tools – und wer kümmert sich um den Betrieb
der Plattformen? Mit Sicherheit empfiehlt es sich, ein zentrales
Kompetenzzentrum zu bilden, das sich mit übergeordneten Fragen beschäftigt, den
gröbsten Wildwuchs verhindert, Best-Pratices sammelt und andere Abteilungen mit
Informationen, Tipps und Beratung befähigt, Social Media produktiv zu nutzen.
Da die Entwicklungen
des Web 2.0 im Bereich der Unternehmenskommunikation durch Medienwandel
und verändertes Mediennutzungsverhalten
die schärfsten Veränderungen und den höchsten Anpassungsdruck erzeugen,
eröffnet sich hier für das Kommunikationsmanagement die große Chance, eine
strategisch gestaltende Führungsrolle einzunehmen. Ausreichende Kompetenz und
natürlich auch Ressourcen vorausgesetzt, könnten Kommunikationsmanager über die
Anwendung von Social Media im eigenen Bereich hinaus auch die
Social-Media-Strategie des Unternehmens aktiv mitgestalten und deren Umsetzung
zentral begleiten.
Da die Nutzung sozialer
Netzwerke im Alltag allen betroffenen Unternehmensbereichen zufällt, wird
entsprechende Kompetenz zudem künftig bei einer immer größeren Zahl an
Mitarbeitern zu den Basis-Skills gehören. Es gilt also, am Ende eine gute
Balance zwischen integrierenden organisatorischen „Leitplanken“ und einem hohen
Maß an dezentraler Verantwortung hinsichtlich Tool-Auswahl, Kommunikationsstil
und Inhalten zu finden.
Im direkten Dialog
mit den relevanten Zielgruppen
Auf den ersten Blick
betrifft die rasante Entwicklung im Social Web primär Marketing und Public
Relations. Kein Unternehmen mit öffentlicher Relevanz, großem Kundenkreis oder
Themen, die im Web intensiver diskutiert werden, kann es sich erlauben, die
Gestaltung seiner Web-Identität nur Dritten zu überlassen. Das heißt für diese
Unternehmensbereiche: die Entwicklung verstehen, die Relevanz für die eigene
Aufgabe analysieren und zielgerichtet aktiv werden. Dies reicht von der
Beobachtung unternehmensrelevanter Themen und Akteure, die Verbreitung eigener
Informationen über Twitter, YouTube oder andere Kanäle, dem Aufbau eigener
Micro-Communities wie Fan-Seiten bei Facebook, bis hin zu zielgerichteten
Maßnahmen zur Kundengewinnung und -bindung. All das mündet im Idealfall im
aktiven Dialog mit den Unternehmenszielgruppen innerhalb des Social Webs.
Chance und Risiko zugleich sind hierbei die viralen Mechanismen: Das Prinzip
der Weiterempfehlung und -verbreitung von Informationen, die Kommentierung und
Bewertung von Themen, Entwicklungen, Produkten oder Unternehmen sowie die damit
verbundenen Dialoge und Diskussionen können sehr schnell zu signifikanten
Reichweiten innerhalb des Webs führen, mit fühlbaren Rückwirkungen auf die „reale“
Unternehmensumwelt. Die große Zahl an Journalisten, Bloggern, Meinungsmittlern
von NGOs, die Agenda bestimmenden Wirtschaftsvertretern und auch Politikern,
die im Social Web besonders aktiv sind, verstärken diese Mechanik. Zudem gibt
es immer mehr Privatpersonen, die sich teilweise sehr professionell in
Diskussionen über Produkte, Unternehmensstrategien, Verbraucherthemen oder
sonstige Debatten einbringen und dies über ihre „Freundesnetzwerke“ verbreiten,
ob als Fürsprecher oder Gegner.
Weitere
Anwendungsfelder
Doch nicht nur für die
Kommunikation spielen Social Media eine Rolle. Unternehmen wie Daimler oder
Tchibo nutzen das Web 2.0 sehr erfolgreich, um Innovationsideen zu gewinnen.
Über Social-Media-Plattformen helfen – den Service des Unternehmens entlastend
– Kunden anderen Kunden. Und bei der Personalgewinnung über das Internet finden
Elemente des Social Webs, gerade wenn es um Nachwuchs geht, immer stärker
Einsatz, wie beispielsweise die Otto Group auf ihrem neuen Recruitment-Portal
zeigt.
Immer mehr Unternehmen
erkennen die Chancen von Enterprise 2.0, sprich dem Einsatz von Social Software im
Projekt- und Wissensmanagement,
in der internen und externen Kommunikation, dem Wissenstransfer innerhalb der
Organisation und bei der Vernetzung und Einbindung externer Bezugsgruppen.
Enterprise 2.0 umfasst aber nicht nur die genannten Tools selbst, sondern
beschreibt auch absehbare Auswirkungen auf die Unternehmenskultur,
wie etwa die mögliche Wandlung von zentraler, hierarchischer Steuerung hin zu
autonomen, vernetzten Teams und einem eher moderierenden Managementstil. Es
wird also Zeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen und Lösungsansätze zu
entwickeln, denn die Zahl erfolgreicher Beispiele wächst stetig.
Handlungsempfehlung
für Einsteiger
Ich empfehle, Social
Media auszuprobieren und via Social-Media-Scan zu prüfen, ob die eigenen Themen
dort stattfinden, sich die eigenen Zielgruppen dort bewegen und was im
Eco-System des eigenen Unternehmens bereits passiert. Manch einer wird
überrascht sein, wie viele Mitarbeiter, Wettbewerber, relevante Medien und vor
allem unbekannte Netzbürger dort schon aktiv sind und für die eigenen Belange
Relevantes, oft auch Unbedeutendes kommunizieren.
Bevor man sich ohne
Strategie in entsprechende Projekte stürzt, müssen Bedeutung, Nutzen und
Zielbeitrag von Web 2.0 und Social Media für die eigene Aufgabe ausgelotet
werden. Erst dann sollte über Pilotanwendungen, Infrastrukturen, Inhalte,
Organisation und entsprechende personelle Ressourcen nachgedacht werden. In
jedem Fall sollten sich Verantwortliche möglichst schnell die für das eigene
Unternehmen relevanten „Adressen“, so genannte Vanity-URLs, wie „Twitter.com/firmenname“
in Social Networks sichern. Auch die kontinuierliche Beobachtung von Web und
Social Web ist empfehlenswert, um relevante Unternehmenserwähnungen rechtzeitig
zu erkennen. Suchmaschinen für Web, Blogs oder News sowie kostenfreie, einfach
zu bedienende Spezial-Tools wie Twazzup.com oder socialmention.com leisten hier
erste brauchbare Dienste. Im Hinblick auf Arbeitgeber-Fürsorgepflichten sei
zudem die gezielte Sensibilisierung von Mitarbeitern bezüglich des Umgangs mit
Social Media und die Entwicklung entsprechender Social Media Guidelines für das
eigene Unternehmen angeraten. Schon zu oft haben unzufriedene, aber auch gut
meinende Mitarbeiter mit ihren Aktivitäten auf Social-Media-Plattformen sich
selbst und auch ihrem Arbeitsgeber geschadet, beispielsweise durch Verletzung
von Rechten Dritter oder Vertraulichkeit. Der Prozess der
Mitarbeitersensibilisierung sollte jedoch nicht auf die Frage der Gefahrenvermeidung
beschränkt sein. Viel wichtiger ist die Befähigung der Mitarbeiter, Social
Media zu verstehen, aktiv zu nutzen und darauf aufsetzend Ideen zu entwickeln,
die zu Prozessverbesserungen, Innovationen und zur Zukunftsfähigkeit des
eigenen Unternehmens beitragen.
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