Neue Medien in der Kommunikation – nach dem Web
2.0-Hype
Von Nils Repke, Marketing/Kommunikation bei Fink & Fuchs
Public Relations, Februar 2008
Auf der Hype-Kurve des IT-Research- und Beratungsunternehmens
Gartner hat das Thema Web 2.0 den Höhepunkt überschritten und befindet sich
gegenwärtig in der
Konsolidierungsphase. Auch die Diskussion um den Einsatz neuer Medien in
der Kommunikationsarbeit hat sich indes abgekühlt und die Themen werden nun
kritischer beleuchtet. So auch auf dem letzten Fink & Fuchs PR-Pulse in
München, wo Prof. Dr. Ansgar Zerfaß, Universität Leipzig, Stephan
Becker-Sonnenschein, o2 Germany, und Hans-Jürgen Jakobs, Süddeutsche Zeitung
Online, mit Stephan Fink, Fink & Fuchs PR, den Nutzen neuer Medienkanäle
und -plattformen für die PR-Arbeit und deren Einfluss auf das Mediennutzungsverhalten
diskutierten.
Aktuelle Erkenntnisse
Laut dem im Herbst 2007 durchgeführten European Communication
Monitor, bei dem rund 1.000 PR-Verantwortliche aus 22 Ländern zu den Trends im
Kommunikationsmanagement sowie der Public Relations befragt wurden, sehen die
Befragten als wichtigste Herausforderung der nächsten drei Jahre die
Auseinandersetzung mit der digitalen Entwicklung und dem Social Web. Weitere
zentrale Arbeitsfelder wurden in der Forderung nach mehr Transparenz sowie in
deutlich aktiveren Rezipienten gesehen, die verstärkt in kommunikative Prozesse
eingebunden werden wollen. Dementsprechend wird der Online-Kommunikation,
insbesondere im Bereich Presse- und Medienarbeit, bis zum Jahr 2010 eine
deutlich höhere Bedeutung beigemessen. Dennoch ist die Nutzung Neuer Medien in
Deutschland bislang relativ moderat, wie der aktuellen ARD/ZDF Online-Studie
von 2007 zu entnehmen ist. Die Zahl der Blogs stagniert wie die allgemeine
Blogaktivität auf mehr oder minder hohem Niveau, Second Life scheint seinen
Zenit überschritten zu haben und von den Millionen Youtube-Vidoes wird auch nur
der kleinste Teil von vielen angeschaut. Einzig der Austausch über Communities
ist von 2006 auf 2007 signifikant gestiegen. Größter Beliebtheit erfreuen sich
laut IVW Online dabei Plattformen wie StudiVZ und SchülerVZ. Die Einschätzungen
der oben befragten PR-Professionals, die in der Nutzung dieser
Online-Plattformen große Chancen für eine effektive Ansprache insbesondere
junger Zielgruppen sehen, spiegeln diesen Trend.
Nicht unerwähnt sollte der dramatische Anstieg der Zugriffszahlen
auf die Online-Angebote eingeführter Verlage bzw. Medien bleiben. Für Spiegel
Online, Süddeutsche.de, Welt.de und Kollegen war 2007 mit Zuwachsraten von 60
Prozent und mehr ein goldenes Jahr. Man bekommt den Eindruck, dass vom Web 2.0
nicht ausreichend versorgte Onliner auf der Suche nach glaubwüdigem Content zu
den etablierten Absenderadressen zurückkehren. Neue Angebote wie
"derwesten.de" von der WAZ-Gruppe oder zoomer.de aus dem Hause
Holtzbrinck scheinen dies zu unterstreichen.
Bedeutung für die Kommunikation
Welche Bedeutung haben diese Erkenntnisse nun für die
Kommunikationsarbeit? Zunächst sollte man sich bewusst sein, dass wir uns
mitten in einem kommunikativen Strukturwandel befinden, wie auch die kürzlich
veröffentlichte Studie der GPRA in Kooperation mit der Universität Leipzig
deutlich machte. Die technologischen Grundlagen wie Breitband-Internet, Mobile
Kommunikation und Digital Lifestyle Hardware bilden dabei das Fundament und
einen entscheidenden Treiber für ständig neue Plattformen und Tools. Hinzu
kommen soziale und ökonomische Rahmenbedingungen. Während das Vertrauen der
Menschen in die Meinung Gleichgesinnter wächst, nimmt die Akzeptanz von rund
geschliffenen Werbe- und PR-Botschaften von Unternehmen, Institutionen und
Medien stetig ab. Aktueller Beweis hierfür ist das Scheitern individualisierter
Werbung auf der Online-Plattform StudiVZ, wofür die Verantwortlichen mit
vorübergehendem Boykott der Nutzer klar abgestraft wurden. Authentizität wird
zum zentralen Erfolgsfaktor jeder Kommunikation. Laut Prof. Zerfaß ist heute
eine transparentere Kommunikation gefordert, die einzelne Akteure braucht, die
ehrlich kommunizieren und nicht nur hierarchische Verbandsspitzen, die ihre
Botschaften verkünden lassen. Nur so lasse sich wieder Glaubwürdigkeit
herstellen, die aktuell in vielen Branchen stark gelitten habe, so Zerfaß
weiter. Neben die sozialen Rahmenbedingungen treten ökonomische Restriktionen.
PR-Verantwortliche müssen sich stärker denn je Gedanken darüber machen, welche
Kanäle sie aus finanzieller aber auch personeller Sicht bedienen können und
wollen. Nicht alle PR-Abteilungen haben die Ressourcen und Budgets, um sich
intensiv und aktiv mit dem technologischen und sozialen Wandel sowie der
Relevanz für die eigene Kommunikation auseinanderzusetzen und darüber hinaus
auch noch neue Tools auszuprobieren.
Integrierte Kommunikation 2.0
Angesichts der vielen neuen Möglichkeiten, mit seinen
Zielgruppen zu Kommunizieren, bekommt die alte Forderung nach Integrierter
Kommunikation eine ganz neue Bedeutung. Jedoch nicht dergestalt, dass man alle
fest steuerbaren Kanäle zu einer möglichst schlagkräftigen Kommunikations-Keule
bündelt, wie es bisher gängige Praxis war. Vielmehr gilt es, neue
Instrumentarien, da wo sie sinnvoll sind, neben klassischen Kanälen auf offene
und möglichst authentische Art und Weise einzusetzen. Hierzu gehört auch ein
gewisses Maß an Kontrollverlust.
Zudem nehmen immer mehr Mitarbeiter künftig am Kommunikationsprozess
teil, ob Personalabteilung, Forschung & Entwicklung oder Produktmanager,
die die Chance nutzen, um Verbraucherideen und -wünsche über offene Plattformen
für das Unternehmen zu gewinnen. Dies erfordert auch neue Organisations- und
Arbeitsformen in den PR-Abteilungen, die es bisher eher gewohnt waren, alle Aktivitäten
zentral zu steuern. In Web 2.0-Zeiten ist letztlich jeder Mitarbeiter
Botschafter des Unternehmens, ob gewollt oder ungewollt. Und je besser die
eigenen Mitarbeiter informiert sind, desto besser und authentischer tragen sie
die Botschaften nach außen. Insofern gilt das Gebot des integrierten Ansatzes
auch für die interne Kommunikation.
Handlungsempfehlungen für Public Relations
Welche Handlungsempfehlungen lassen sich nun im Umgang mit
dem Social Web für die PR-Arbeit ableiten? Blinder Aktionismus ist in jedem
Fall zu vermeiden. Zunächst empfiehlt es sich zu beobachten, in welchen
Kommunikationsräumen unternehmensrelevante Themen diskutiert werden, wo
Meinungen entstehen und sich die eigenen Zielgruppen austauschen. Ein solches
Web-Monitoring bietet vielerlei Chancen: Zum einen übernimmt es eine Art
Frühwarnsystem, um kritische Stimmen bzw. Issues in Communities und Blogs
aufzuspüren, bevor Sie von den klassischen Medien aufgegriffen werden. Zum
anderen gibt es Auskunft über die relevanten Stakeholder-Gruppen. Drittens
lässt sich die eigene Agenda mit den Themen abgleichen, die die Zielgruppen
bewegen und gegebenenfalls korrigieren.
Weiterhin sollte man die verfügbaren neuen Tools - wo machbar
- auch einmal in ihrer
Funktionsweise in einem begrenzten Rahmen testen, beispielsweise einem
internen Blog in einer Abteilung oder auch ein offenes Kundenforum für eine
ausgesuchte Kundengruppe.
Und nicht zuletzt sollte man auch versuchen, mit für das
eigene Unternehmen relevanten Protagonisten der Web 2.0-Welt in den Dialog zu
gehen, egal ob bloggender Journalist oder meinungsführender Moderator einer
Community. Der persönliche Austausch funktioniert auch dort meist wie in der
vertrauten "analogen" Welt.
Erst wenn man diese Schritte einmal gegangen ist, lässt sich
wirklich entscheiden, ob bzw. welche Form der Zielgruppenansprache über das
Netz sinnvoll ist. Möglicherweise stellt man letztlich auch fest, dass die
entscheidende Zielgruppe hierüber gar nicht erreicht werden kann. Chancen und
Risiken von Social Media hängen somit immer auch vom Branchen- und
Produktumfeld sowie von der jeweiligen Kommunikationsstrategie ab. Wie bei
allen anderen Maßnahmen ist es auch hier wichtig, klare Ziele zu formulieren,
um anschließend den Erfolg messen aber auch den Wertschöpfungsbeitrag für das
Unternehmen eruieren zu können.
Aktuelle Trends
Hinsichtlich konkreter Tools und Anwendungen zeichnet sich
ein starker Trend von der Print- zur Bewegtbild-Kommunikation ab, der durch
neue mobile Anwendungen wie z.B. Handy-TV künftig noch an Bedeutung gewinnen
könnte. Insbesondere komplexe Zusammenhänge wie im Technologiebereich, lassen
sich über Bewegtbilder, Fotos oder animierte Informationsgrafiken gut
aufbereiten, um neuen Rezeptionsgewohnheiten entgegenzukommen und Informationen
anschaulich zu verknüpfen. Es werden jedoch auch mahnende Stimmen laut, die
Internet-Videos nicht zuletzt aufgrund oft niedriger
"Zuschauerzahlen" und hohem Produktionsaufwand nur für eng umgrenzte
Anwendungsfelder eine Zukunft geben.
Daneben gibt es immer wieder erfolgreiche Beispiele von
Communities, auf denen die Zielgruppen zwecks Produkt(weiter)entwicklungen
erfolgreich von Unternehmen eingebunden wurden. Ein gutes Beispiel hierfür hat
zuletzt Fiat gezeigt, das bei der Neuauflage des Cinquecentos konsequent auf
die individuellen Design-Ideen begeisterter Fans setzte und mit zahlreichen
Bestellungen belohnt wurde. Gerade im Sinne von Open Innovation lassen sich auf
diese Weise wertvolle Hinweise und Ideen - auch künftiger - Kunden gewinnen.
Als übergeordneter Trend wird das Thema Mobilität zum zentralen
Wachstumstreiber für die digitale Wirtschaft. Nach der Versorgung mit mobilen
Endgeräten wie MP3-Playern, Notebook, PDA und Handy wird nun die Versorgung mit
Inhalten folgen.
Fazit
Der erfolgreiche Einsatz Neuer Medien in der PR-Arbeit wird
künftig vor allem davon abhängen, wie sich die PR-Verantwortlichen auf den
grundsätzlichen Wandel in der Kommunikation einstellen. Authentizität,
Transparenz und Glaubwürdigkeit werden bei allen Kommunikationsmaßnahmen -
nicht nur im Social Web - eine entscheidende Rolle spielen und über Erfolg und
Misserfolg maßgeblich mitentscheiden. Nur wer seine Stakeholder als
Dialogpartner ernst nimmt und einbindet, wird hier erfolgreiche Kommunikation
betreiben.