Alles 2.0, oder was?
Partizipative Markenführung auf der Hype-Kurve
von Boris Mackrodt, Partner und Mitglied der Agenturleitung,
Juni 2007
Die mediale Diskussion zur Veränderung der Kommunikation im
Zeichen von Web 2.0 folgt den Stationen eines Hype Cycle: Irgendwie scheint
etwas dran zu sein, aber was genau, wissen wir erst, wenn die mediale Sau über
den Gipfel der überzogenen Erwartungen getrieben und durch das Tal der
Enttäuschungen gegangen ist.
Ein technologischer Auslöser - hier die vereinfachten Möglichkeiten
der Interaktion und Partizipation von Internet-Usern durch Blogs, Videoportale
und alle anderen Spielarten von Social Software - wird medial gehypt, bis auf
einmal alles Web 2.0 zu sein scheint oder zumindest werden müsste. So auch der
Kommunikationsprozess zwischen Marken und Marktteilnehmern: Wie müssen sich
Marken und ihre Steuerung verändern, um in der Zukunft einer semi-virtuellen
Welt aus Blogs, Wikis, Flashmobs und Avataren erfolgreich zu sein?
Beispiele aus der politischen Kommunikation in den USA und
Frankreich – bei der es auch um eine Art Markenbildung geht – geben
zu denken. Die Spin Doctors dort setzen bereits massiv und erfolgreich auf
Netzwerkeffekte im Internet - ungeachtet der sofort eintretenden Störfeuer und
Parodien der politischen Gegner.
Auch in Deutschland können "Grassroot Campaigns"
Erfolg haben, oft genug sind aber die Gegenöffentlichkeiten überlegen. Das
Fortbestehen der journalistischen Premium-Sendung "Der Tag" vom
Hessischen Rundfunk ist nur einem im Internet organisierten Hörerprotest (Link:
http://www.rettedeinradio.de/) zu verdanken, die nachhaltige Veralberung der
Kampagne "Du bist Deutschland" auf den "Klowänden des
Internets" (Jean-Remy von Matts viel beachtete Bezeichnung für Blogs) ist
ein anderes Beispiel für die kommunikative Kraft kollaborativer
Meinungsäußerung.
Alle Macht der Vernetzung?
Das Potenzial leuchtet ein: Die Macht der Vernetzung - durch
Geschwindigkeit und so genannte "Schwarmintelligenz" charakterisiert
- triumphiert über ein einfaches Sender-Empfänger-Schema. Wie lässt sich das
für die Markenkommunikation nutzen?
Einer der naheliegenden Gedanken ist, die eigene Website für
die Kommunikation mit dem Besucher zu öffnen und die eigenen Ansichten
ungefiltert in die Diskussion zu geben. Doch die Erfahrungen in Deutschland mit
Corporate Blogs sind eher ernüchternd. Die Computerwoche konstatiert: "Nur
fünf der Dax-30-Unternehmen betreiben mehr oder weniger engagiert eine Art von
Corporate Blog ... Viele deutsche Corporate Blogs, mal von engagierten
Mitarbeitern in den Abendstunden betreut, mal von hochbezahlten Agenturen
entworfen und bestückt, dümpeln in kleinsten Nischen vor sich hin oder verenden
nach einigen Monaten ... Der Zähler vieler Corporate Blogs zeigt für alle, dass
oft kein Interesse bei Kunden, Experten oder Wettbewerbern besteht, sich auf
einen Dialog mit den Machern des Blogs einzulassen - was aber doch die
Kernfunktion eines Corporate Blogs sein soll."
Das sind keine bewegenden Zahlen. Schließlich sind in
Deutschland bereits über 60 Prozent der Bevölkerung online. Dieselbe ARD-Studie
überrascht zudem damit, dass mit 5,1 Millionen Über-60-Jährige erstmals mehr
"Silver Surfer" im Netz als 14- bis 19-Jährige (4,9 Millionen) sind.
Wenn es einen Digital Devide gegeben hat, der Ältere vom Netz ausgeschlossen
hat, scheint er jetzt überwunden. Es scheint also nicht an einem zu jungen
Publikum zu liegen, wenn sich niemand so recht für die Diskussion mit den
Unternehmen interessiert. Vielleicht wird einfach die eigene Bedeutung für die
Kunden überschätzt?
Entlang des Hype-Cycle wird dann plötzlich das "Ende der
Party" (w+v 18/2007) ausgerufen und angesichts der kümmerlichen
Reichweiten von Second Life oder der angeblich mediokeren deutschen
Bloggerszene (vgl. FAZ, Martin Schoeb am 17.4.07, oder Harald Staun am 5.5.07)
der Gang durch das Tal der enttäuschten Hoffnungen angetreten.
Ausgaben für Online-Werbung steigen
Allerdings verschieben sich die Kommunikationsbudgets derzeit
massiv in Richtung Internet, was auch als ein Zeichen für eine Art von
Schwarmintelligenz gesehen werden kann und ein Hinweis darauf ist, dass ein
realistischer und produktiver Umgang mit der neuen Technik gefunden wird.
Für die Markensteuerung stellt sich die Frage, wie mit der
neuen Situation umzugehen ist: Zum einen ist in der klassischen Markenlehre das
Prinzip der Wiedererkennbarkeit und einer nur behutsamen Änderung von
Botschaften und Positionierung zentral. Zum anderen fürchten die
Verantwortlichen, in Zeiten medialer Paradigmenwechsel den Kontakt zu den
Zielgruppen zu verlieren, wenn sie nicht mehr Möglichkeiten zu Dialog und
Partizipation anbieten. Das aber führt zwangsläufig zu einem gewissen
Kontrollverlust über die eigene Kommunikation.
Sollte man deswegen, wie Internet-Experte Ossi Urchs
provokant formuliert, sich in sein Schicksal fügen und gleich ganz aufhören ex
cathedra "Marken zu machen" und sie stattdessen im Dialog mit
interessierten Nutzern weiterentwickeln? Für PR-Leute ein vertrauter Gedanke,
schließlich scheint es, als könne das Modell einer "symmetrischen
Zweiwegekommunikation" von Grunig/Hunt aus dem Jahr 1984 nun doch im
großen Maßstab verwirklicht werden.
Auch der Marketing-Experte Martin Linstorm schreibt in
seinem aktuellen Newsletter:
"There's enormous potential for brands to tap into the
word-of-mouth world. To explore its potential for your brand, your campaign
goals need to embrace a key aim: let consumers run with your message. This is
all about breaking marketing rules and being unconventional. Take your brand's
approach beyond your comfort zone: don't shy away from fun, humor, or
provocation. Be prepared for complaints. Fundamental to word-of-mouth is the
fact that it's no longer possible for your brand to be friends with everyone
... You are no longer 100 per cent in control."
Doch allein angesichts des Wertes von Marken (die
Interbrand-Rangliste für 2006 wird von Coca-Cola mit einem Wert von 67
Milliarden Dollar angeführt), sollte diese Empfehlung hinterfragt werden. Bei
solchen Werten scheint jedes unnötige Aufgeben von Gestaltungsmöglichkeiten
fahrlässig.
Zentrale Steuergrößen
Ein "Stop making brands" wie Ossi Urchs fordert,
braucht als argumentative Grundierung, dass "markets" tatsächlich nur
"conversations" sind, wie es das Cluetrain Manifesto gerne hätte.
Aber Kommunikation ist nur ein Bestandteil eines Marktes, ebenso wie nur ein
Bestandteil einer Markenarchitektur. Entscheidungen über die Marktfähigkeit von
Preis, Vertriebsweg, Service, Produktgestaltung und Markenversprechen
verbleiben auch im Web 2.0 als zentrale Steuergrößen beim Anbieter.
Und schließlich werden auch die klassischen
Kommunikationsmedien getreu dem Riepl'schen Gesetz durch kein neues, höher
entwickeltes Medium vollständig verdrängt, sondern lediglich in deren Funktion
verändert – das Argument, dass Print und TV diesmal vom Internet
vollständig verdrängt würden, beschränkt sich auf formal-technische Aspekte der
Verbreitung und des Trägermediums. Das Entscheidende, nämlich die
professionelle Aufbereitung von Inhalten im Gegensatz zu neuen,
nutzergenerierten Inhalten, wird uns erhalten bleiben.
Und das ist für Marken wichtig, weil diskutierende Gruppen
eben nicht dauernd irgendeine Art von höherer "Schwarmintelligenz"
hervorbringen, sondern auch reichlich Mittelmaß und gebloggte Langeweile, was
einer Marke, in ihrem Bestreben nach Unverwechselbarkeit, widerstreben sollte.
Weder der iPod noch die dazugehörige Marke wurden im Netz erfunden. Das Netz,
wie auch der klassische mediale Ressonanzraum, diente vor allem der schnellen,
nachhaltigen und kostengünstigen Verbreitung der Marke. Eine gute Story wird
von allen weitererzählt, nicht von allen erfunden.
Wie jede gute Geschichte ist sie ein Angebot, das seine Güte
beweist, je besser und schneller es zum Erlebnis der anderen wird. Feedback und
Variationen inbegriffen. Dabei ist nicht (nur) eine Inszenierung à la "Berühmtheit
mit Produkt XY gesichtet" gemeint, sondern ein stimmiges Gesamtkonzept
einer Marke, das Markenwerte auf allen Ebenen transportiert: im Design, im
Service, über die Mitarbeiter, in der Werbung, am Point of Sales, in den
Auftritten des Managements, in der Dramaturgie als Kampagne organisierter
Kommunikationsereignisse. Genau das machen Marken und Markenmacht.
Das Beste aus beiden Welten
Für ein zielgerichtetes Vorgehen spricht auch das
grundsätzliche Problem der Reichweite und der Zielgenauigkeit. Zwar stellt sich
in einer zunehmend fragmentierten, gleichzeitig immer vernetzteren Medienwelt,
die Frage nach den richtigen Umgebungen, den effektivsten Einstiegspunkten und
Schaltzentralen neu, aber die etablierten Wege der Massenkommunikation verlieren
deswegen nicht schlagartig an Bedeutung. Ein "klassisches" Standbein
und ein digitales Spielbein zu haben, ist im Moment das Modell der Wahl.
In der Übergangsphase auf das neue Paradigma kann nur ein
kontrolliertes Try-and-Error angestrebt werden, bei dem überraschende
Netzwerkeffekte auftreten werden. Doch je mehr Daten gesammelt sind, desto
stärker werden sich auch im Internet risikolosere Kommunikationswege
etablieren. Google auf dem Weg zum Monopolplayer der Internet-Werbung ist hier
gleichzeitig Ursache und Wirkung.
Schon heute bietet das Web 2.0 reale Chancen für die
Markenkommunikation. Wenn es stimmt, dass wegweisende Innovationen aus einer
intimen Kennerschaft und Antizipation der wahren Konsumentenbedürfnisse
entstehen, dann ist das Internet die größte Fundgrube für diese Meinungen.
Neben dem naheliegenden Gedanken zunächst einmal zu schauen,
ob, und wenn ja, wie über die eigene Marke und die Konkurrenz berichtet und
kommentiert wird, bieten Portale wie tremor.com von Procter und Gamble oder in
Deutschland trnd.de interessante Optionen für Pretests und Stimmungsbilder
insbesondere im Bereich des Lifestyle und Jugendmarketings.
Vom Nutzer zum Botschafter
Ein nächster Schritt ist es, Netz-User zu Markenbotschaftern
zu machen. Das Versenden von „Virals“ ist eine moderne Variante des
Empfehlungsmarketings – Breitbandanschluss statt Tupperparty. Doch auch
hier ist es so, dass die erfolgreichen Virals sehr wohl von Agenturen speziell
für diesen Markt gestaltet wurden. User Generated Advertising ist eine feine
Idee, produziert aber wahrscheinlich nicht Clips wie diesen von Nike oder
diesen von Nestlé.
Die beste Empfehlung für die Markengestaltung im Internet ist
es, eigene Erfahrungen zu sammeln, ohne dabei die grundsätzlichen Überlegungen
zur Marke aufzugeben. Es gilt dabei Henry Ford: die Hälfte der
Kommunikationsausgaben wird verschwendet sein. Die andere Hälfte sichert aber
die Zukunft.