Heute schon in der Zeitung gesurft?
Medienkonvergenz und ihre Konsequenzen
von Michael Grupe, Mitglied der Agenturleitung
Auch in 2006 war es wieder eines der Zauberwörter der CeBIT:
Konvergenz. Ob Triple Play, das den PC endgültig ins Wohnzimmer bringt, Handys,
die Digitalkameras Konkurrenz machen oder TV-Services, die Fernsehsendungen für
das Handy anbieten. Neue Lösungen sollen dem Anwender die Nutzung multimedialer
Inhalte erleichtern und ihm mehr Flexibilität ermöglichen. Beinahe im Einklang
mit diesen neuen Technologien und steigenden Bandbreiten verändert sich auch
die Medienlandschaft. Print-Auflagen gehen zurück, Online-Publikationen
ermöglichen dem Leser, sich schnell, jederzeit und allerorten zu informieren.
Die Verlage können neue Vertriebsmodelle
etablieren und ihre Artikel gegen Gebühr zur Verfügung stellen. Der
neueste Trend sind Blogs, wobei bisher noch keiner genau weiß, wie sich deren
Einfluss auf die Medienlandschaft auswirken wird. All diese Veränderungen haben
Konsequenzen. Für den Journalisten, für den Leser und natürlich auch für die
PR-Leute.
„Die meisten unserer Redakteure und Reporter sind viel zu
weit von den Lesern entfernt.“ So beklagte sich Rupert Murdoch, der Chef von
News Corporation, einem der größten Medienkonzerne der Welt, im vergangenen
Jahr in einem Gespräch gegenüber der amerikanischen Gesellschaft für
Zeitungsverleger. „Zeitungen, die sich heute im Wettbewerb behaupten wollen,
müssten weit mehr sein als ein reiner Nachrichtenlieferant. Sie müssen einen
Treffpunkt bieten, an dem Meinungs- und Gedankenaustausch stattfinden kann
– einen Platz, wo Blogger und Podcaster hinkommen, um sich mit unseren
Redakteuren auszutauschen,“ ergänzte Murdoch. Ohne Zweifel, der Konsument von
heute hat es wesentlich bequemer. Er kann sich seine Informationen jederzeit,
überall und aus unterschiedlichen Medien zusammenstellen. Er befriedigt seine
Informationsbedürfnisse bei Medien, Inhalten, Services und Technologien frei
nach dem Best-of-Breed-Gedanken.
Das Publikum entscheidet und gestaltet
Reiner Mittelbach, CEO von ifra, dem Service-Verbund für die
weltweite Zeitungsindustrie, beschreibt die Entwicklung so: „Die Leserzahlen
von Printmedien gehen bei gleichzeitigem Anstieg der gesamten
Mediennutzungszeit zurück. Mehrere Medien werden zur Informationsbeschaffung
und Unterhaltung, teilweise sogar gleichzeitig, eingesetzt. Das Publikum nutzt
seine Möglichkeiten, Inhalte selbst zu generieren, zu publizieren und zu
kritisieren. Zudem werden die Zielgruppen kleiner und die Anzahl der Zielgruppen
steigt kontinuierlich. Die Medien werden zunehmend publikumsgetrieben.“
Einem aktuellen Report von ifra zufolge ist der tägliche
Medienkonsum in Deutschland in der Zeit von 2000 bis 2005 um 19 Prozent auf 600
Minuten gestiegen. Zwar liegen Radio und Fernsehen in der Summe noch weit
vorne, doch ein genauerer Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt
eine klare Tendenz. Das Internet ist das Medium mit den stärksten Zuwächsen,
wenn es darum geht, nähere Informationen über ein Thema zu gewinnen.
Signifikanter dokumentiert sich der veränderte Medienkonsum bei den 20- bis
29-jährigen. Für diese Zielgruppe steht das Internet als Informationsquelle
mittlerweile nur knapp hinter dem Fernsehen an zweiter Stelle.
Lieber surfen als blättern
Noch gravierender sind die Ergebnisse aus Analysen zu den
Zahlen der Zeitungsleser. Während im Jahr 1972 unter den 20- bis 35-jährigen in
Großbritannien noch 75 Prozent Zeitung lasen, waren es im Jahr 2000 schon
weniger als 50 Prozent. Doch auch bei der Generation 50 Jahre und älter, den so
genannten „Best Agern“, war zu Beginn der 70er Jahre das Zeitung lesen noch
populärer (70%) als im Jahr 2000 (59%). Auch wenn das Vertrauen in die
Nachrichtenquellen Tageszeitung und Radio in allen Altersgruppen noch weit vor
dem Internet liegen, der Trend bleibt: Die Leser wandern ins Internet ab. Und
das Angebot der Inhalte richtet sich nach dem tagesaktuellen Nutzungsverhalten
der Leserschaft: vormittags gibt es aktuelle Nachrichten, nachmittags Freizeit
und Unterhaltung, abends Magazine.
Das Internet macht den Tageszeitungen mehr Konkurrenz, als es
Fernsehen und Radio je getan haben. Blogs sind das derzeit populärste von
ständig neuen Media-Tools, die das Internet ermöglicht. Wikis bieten auf
gemeinsamen Websites jedem Leser die Chance, Beiträge zu bearbeiten oder seine
eigenen beizusteuern. Podcasting erfreut sich zunehmender Popularität, Foto-
und Video-Blogs stehen schon in den Startlöchern. Klar, ein Großteil der Blogs
werden erst gar nicht gelesen, sind es vielleicht auch nicht einmal wert,
gelesen zu werden. Trotzdem spielen Blogger eine zunehmend wichtige Rolle in
der Medienlandschaft. Die bekanntesten von ihnen generieren genauso viel
Traffic wie die Kommentarseiten von Tageszeitungen.
Eine Zeitung mit 35.000 Reportern
Dank des Internets sind die Leser zunehmend selbst in der
Lage, ihre eigenen Inhalte zu bestimmen. Die Tageszeitung OhmyNews in Südkorea
beispielsweise macht sich diesen Trend zunutze. „Unser Konzept besteht darin,
dass jeder Bürger ein Reporter sein kann,“ erklärt Gründer und Verleger Yeon
Ho. Gerade mal sechs Jahre alt, zählt die Publikation über zwei Millionen Leser
und 35.000 so genannte Bürger-Reporter. Alle von ihnen sind Freiwillige, die
Stories schreiben, welche von einem festen Redaktionsstamm von gerade mal 50
Mitarbeitern redigiert und auf Fakten überprüft werden. Auf Basis dieser
wachsenden Zahl an neuen „Journalisten“ ist klar, dass neue Geschäftsmodelle
den herkömmlichen ihren Platz streitig machen. Manche Blogger erlauben Google,
Werbe-Links neben ihren Posts zu schalten und kassieren bei jedem Klick.
OhmyNews ermöglicht es seiner Leserschaft, Trinkgeld für Autoren zu zahlen. So
summierte sich das „Trinkgeld“ für einen Artikel über ein unpopuläres
Gerichtsurteil auf satte 30.000 US-Dollar.
Die Medienlandschaft und das Konsumverhalten haben sich in
den vergangenen 15 Jahren so stark verändert wie nie zuvor. Und einer Studie
von A. T. Kearney zufolge wird das so weiter gehen. Die Marktforscher erwarten
einen durchschnittlichen Auflagenrückgang von 25 Prozent in den nächsten 20
Jahren. Die Gründe sind die neue „digitale“ Generation, die sich ihre Zeit eher
mit gucken, hören und spielen als mit lesen vertreibt. Zudem könnten Blogs die
Rolle der aktuellsten und emotionalsten Nachrichtenquelle übernehmen.
Mehr Zielgruppen, mehr Optionen
Es hilft nichts, den Abgesang der guten alten Zeiten zu
beklagen, in denen Tageszeitungen, ARD und ZDF sowie die Dritten Programme und
Radiosender als Informationsquellen dienten. Für die Kommunikation bieten die
neuen Entwicklungen eine Menge neuer Möglichkeiten. „ Konvergenz passiert.
Entweder Du machst mit oder Du bleibst außen vor,“ sagt ifra-CEO Mittelbach.
Medienkonvergente Kommunikation macht sich die neuen Technologien zunutze und
profitiert von der Tatsache, dass es heute weit mehr Wege gibt, den Kunden zu
erreichen. Sie nutzt drei Wege der Distribution von Nachrichten. Den
klassischen über die Printmedien sowie die neueren über Online-Portale und
mobile Services. Auch wenn die Zielgruppen kleiner und zersplitterter werden,
ergeben sich dadurch neue Chancen. Denn bei guter Recherche und Analyse der
Zielgruppen reduzieren sich die Streuverluste bei der Vermittlung von
Botschaften. Der Kunde entscheidet, wo er welche Informationen herbekommt, er
möchte Nachrichten nicht nur konsumieren sondern sich an der Diskussion
beteiligen und die Meinungsbildung mitgestalten. Von Web- und Mobile-TV über
Podcasting, RSS, Blogs und Wikis bis zur klassischen Zeitung – die
Optionen sind zahlreicher als je zuvor. Wer für die jeweilige Zielgruppe die
richtigen Optionen nutzt, wird auch weiterhin erfolgreich Kommunikation
betreiben können.