Virtuelle Systeme bieten ganz reale Vorteile
Virtualisierung ist zu einem Schlagwort geworden. Viele
Analysten und Anbieter überbieten sich mit euphorischen Prognosen. „Mit den
neuen Virtualisierungstechnologien werden die IT-Ressourcen besser genutzt und
die Flexibilität zur Anpassung an neue Anforderungen und Arbeitsbelastungen
steigt. Mit der Hinzufügung von Automatisierungstechnologien könne darüber
hinaus die Effektivität aller IT-Ressourcen dramatisch verbessert werden. Die
Flexibilität könne automatisch je nach Anforderung angepasst und Services
ganzheitlich gemanagt werden“, so lautet einer der Top-Ten-Trends, den Gartner
für die kommenden Jahre erwartet.
Sogar die jüngsten, leicht pessimistischen Prognosen vieler
Analysten über die weiteren IT-Aussichten, haben die Virtualisierung
ausgeklammert. „Insgesamt sieht es zwar nicht gut aus, aber es gibt viele
Bereiche, wie beispielsweise Virtualisierung, bei denen die IT-Chefs mehr
investieren wollen als bislang“, meint beispielsweise Paul Carton, Research-Chef
bei Change-Wave.
Soviel zu den vielen Kommentaren und Prognosen über die
Virtualisierung. Doch was verbirgt sich hinter diesem Begriff sowie den
zugehörigen Märkten und Systemen? – Der gemeinsame Nenner über alle
Interpretationen in der professionellen
IT-Welt hinweg ist der, dass man mit Hilfe von Virtualisierung
verschiedene – eben virtuelle – Systeme auf ein-und-der-selben
Hardware betreiben kann. Und in einer etwas neueren Definition bedeutet
Virtualisierung auch das Gegenteil, dass also eine logische Einheit über
mehrere Hardware-Systeme verteilt sein kann. Schlussendlich ist es die totale
Trennung von logischer und physischer Ebene. Damit ist zwar einiges gesagt,
aber auch vieles noch offen.
Ein Hypervisor macht noch kein dynamisches RZ
So bedeutet das Wort „Systeme“ in diesem Fall entweder
Server, Storage, Netzwerk oder Desktop. Und damit wird schlagartig deutlich,
wie weit der Begriff Virtualisierung reicht. In der gegenwärtigen Diskussion
der IT-Chefs geht es hauptsächlich um die Server-Virtualisierung. Sie gilt
inzwischen als eine Art Allround-Lösung für alle gegenwärtigen und zukünftigen
Rechenzentrumsprobleme. Doch noch hat sie ihre Grenzen.
Die Mindestanforderung an eine Server-Virtualisierung ist ein
so genannter Hypervisor, der auf der einen Seite mit der Hardware und auf der
anderen Seite mit dem Betriebssystem kommuniziert. Der Hypervisor ist zwar
wichtig, ist aber nur ein Teil der Lösung. Er erlaubt zwar die logische
Partitionierung eines physischen Servers – doch das ist bei Weitem nicht
das, was die erheblichen Einsparungen bei der Virtualisierung ausmachen. Erst
das damit einhergehende Managen der Server, die zugehörigen Backups und
Restart-Prozeduren und letztlich das unterbrechungsfreie Verschieben einer
Anwendungen von einem logischen Server auf einen anderen machen in Verbindung
mit Storage- und Netz-Virtualisierung diese Technologie so besonders attraktiv.
Knapp gesagt: Das Betreiben von vielen virtuellen Servern auf
einem physischen erlaubt einen annähernd automatischen RZ-Betrieb und erhöht
darüber hinaus die Auslastung des Systems, was wiederum zu Maintenance- und
Energieeinsparungen führt. Das sind die wesentlichen Kosteneinsparungen von
denen alle reden. Doch um das zu erreichen, bedarf es eines umfangreichen
Softwarepaketes, das weit über den Hypervisor hinausgeht. VMware nennt das
alles zusammen die „VMware Infrastructure“, und dessen Version 3 ist
gegenwärtig der allgemein anerkannte Leistungsstandard auf diesem Gebiet.
Auch für Forrester-Analyst Frank Gillet hängt die weitere
Akzeptanz der Virtualisierung bei den IT-Chefs davon ab, in wie weit sich diese
Technologie in das Gesamtsystem einfügen und administrieren lässt. „Es geht
überhaupt nicht darum, welchen Hypervisor man benutzt, sondern vielmehr darum,
welches Ökosystem man für das Management einsetzt“, lautet seine Feststellung.
Somit seien die zugehörigen Management-Tools für den Erfolg der Virtualisierung
viel wichtiger als die Technologie an sich.
Virtualisierung für Hight-Performance-Umgebungen?
Dass erst die oberhalb des Hypervisors liegenden Schichten
über den Sinn und den Nutzen einer Virtualisierung entscheiden, bedeutet aber
auch, dass es viele Anwendungen gibt, die sich (noch) nicht besonders gut zur
Virtualisierung eignen. „Alle CIOs lesen von Virtualisierung und meinen, man
muss nur einen Schalter umlegen um damit viel Geld zu sparen, doch das ist
leider nicht der Fall“, sagt Yankee-Analystin Gery Chen. Als nicht
virtualisierungsgeeignet hält sie beispielsweise High-Performance Datenbanken
oder auch stark zentralisierte Anwendungen.
Damit spricht ein besonderes Performance-Problem der
Virtualisierung an: Die mangelnde I/O-Bandbreite. „Virtualisierung ist eine
Schlüsseltechnologie zur Kosteneinsparung und zur Reduktion der Komplexität von
Serverfarmen, doch leider stößt sie bislang an ihre Grenzen bei hoch
performanten Applikationen und Datenbanken“, sagt Bob Wheeler, Analyst der
Linley-Group.
Das kalifornische Startup Neterion meint, dass es mit seinen
neuen Network-Adaptern dieses Problem gelöst habe. „Unsere Adapter unterstützen
VMwares Net-Queue-Technologie, mit der wir bereits eine Übertragungsrate von
annähernd zehn Gigabit pro Sekunde in einem VMware ESX-Server-Umfeld erreicht
haben“, sagt Neterions CEO Dave Zabrowski. Seiner Ansicht nach sind die neuen
Adapter ein Durchbruch in der Anwendung von Virtualisierungslösungen. „Deren
Technologie ist tatsächlich bahnbrechend und kann den Weg dafür ebnen, dass
nicht nur zeitunkritische Aufgaben virtualisiert werden, sondern endlich auch
die großen Datenbankanwendungen“, sagt Jeff Byrne, Analyst bei der
Taneja-Gruppe.
Virtuell ausfallsicher
Zusätzliche, bislang unberücksichtigte, Nutzungsvorteile
könnten den Einsatz der Virtualisierungstechnologie ebenfalls voran bringen.
Gemäß einer neuen Forrester-Untersuchung meinen rund die Hälfte der
Unternehmen, die bereits eine Server-Virtualisierung installiert haben, dass
sie im Anschluss daran weitere Nutzungsvorteile erkannt hätten, die zu neuen
Virtualisierungsprojekten führen würden. An oberster Stelle stehen dabei
Desaster-Recovery und Business-Continuity. Da virtuelle Systeme einen schnellen
– häufig sogar einen automatischen – Restart nach einem
Systemausfall erlauben, eignet sich diese Technologie hervorragend für eine
Verbesserung der Systemverfügbarkeit. „In Verbindung mit Datenreplikation
zwischen verschiedenen Rechenzentren bietet diese Technologie eine äußerst
zuverlässige IT-Infrastruktur für Desaster-Recovery und
Mission-Critical-Applikationen – die obendrein auch noch besonders
wirtschaftlich ist“, schreibt Forrester-Analystin Stephanie Balaouras in ihren
Bericht. Läuft beispielsweise auf einem physischer Server eine wichtige
Anwendung, so beschränkt sich die Ausfallzeit auf den Zeitraum vom Entdecken
des Problems bis zum erfolgreichen Neustart der Anwendung auf einem anderen
verfügbaren Server.
Die Hardware-Nähe der Virtualisierung hat inzwischen einen
neuen Trend ausgelöst. So strebt VMware jetzt die Zusammenarbeit mit den
Server-Herstellern an, um den Hypervisor direkt in die Hardware zu integrieren,
was ihn noch schneller und systemunabhängiger macht. Um seine
Virtualisierungs-Software in die Server zu integrieren hat VMware bereits
entsprechende Verträge mit IBM, Dell und Hewlett-Packard abgeschlossen. „Virtualisierung soll ja gerade
unterhalb eines jeden Betriebssystems laufen, deshalb ist es völlig logisch,
wenn sie in die Hardware des Servers integriert wird“, erläutert
Illuminata-Analyst Gordon Haff diese Idee. Darüber hinaus erwartet er von einer
Hardware-integrierten Lösung auch eine vereinfachte Systemadministration.
Doch es gibt keine bahnbrechend neue Technologie ohne
Schattenseiten. So kommt die größte Kritik an der Server-Virtualisierung
gegenwärtig von den Sicherheitsexperten. Einige meinen, dass ein in einer
virtuellen Umgebung verpackter Rootkit die absolute Bedrohung darstellt, da er
niemals erkannt werden kann. Vergangenes Jahr hatte die Malware-Forscherin
Joanna Rutkowska behauptet, ein absolut unauffindbares Hypervisor-Rootkit
namens Blue Pill entwickelt zu haben. Doch diese „transparenten VMMs“ (Virtual
Machine Monitor) sind nur ein Mythos. So haben Wissenschaftler der Carnegie
Mellon University (CMU) und Stanford University jetzt herausgefunden, dass eine
absolute Transparenz nicht möglich ist. Nach Testläufen mit den Virtualisierungs-Technologien
von VMware und Xensource kommen sie zu dem Ergebnis, dass sich schädliche
Rootkits auch dann aufspüren lassen, wenn sie mit Hypervisor-Technologie
versteckt wurden. „Egal wie minimal schädlich ein bösartiger VMM ist, er muss
in jedem Fall gewisse physische Ressourcen benutzen. Und damit ist das
Schadprogramm letztendlich immer aufspürbar“, heißt es in dem
Forschungsbericht.
Trotz der zunehmenden Akzeptanz von Virtualisierung bei den
Servern wird sich das vorläufig nicht auf den Hardware-Absatz auswirken. So
meinen die Analysten von Standard & Poors, dass die Virtualisierung noch
kein Grund für einen Wachstums-Stopp bei den Servern sei, da die zunehmenden
IT-Aufgaben und -Anwendungen auch zusätzliche Hardware benötigen werden. Allerdings
gibt es eine deutliche Verschiebung bei der Server-Beschaffung. „Es gibt einen
eindeutigen Trend zu weniger – dafür aber größeren und teureren Systemen
– der sich nur mit zunehmender Virtualisierung erklären lässt“, sagt
IDC-Analyst Jed Scaramella und verweist dabei auch auf eine andere
IDC-Untersuchung, wonach sich der Mark für Virtualisierung in den nächsten vier
Jahren auf 11,7 Milliarden Dollar verdoppeln wird.
Ergänzt wird der Trend zur Server-Virtualisierung von
parallelen Entwicklungen beim
Storage, den Netzen und bei den Desktops. Bei der Storage-Virtualisierung ist
es ähnlich wie bei der Server-Virtualisierung: völlige Trennung von logischen
und physischen Einheiten. Entsprechend der zu Grunde liegenden Technologie
unterscheidet man hier die SAN-Virtualisierung, die eine unterbrechungsfreie
Datenmobilität zwischen den Storage-Areas ermöglicht, das bedeutet eine höhere
Unabhängigkeit zwischen Storage- und Server-Betrieb. Mit der
File-Virtualisierung lassen sich Dateien auf unterschiedlichen Systemen
zusammenfassen, und wenn ganze File-Systeme virtualisiert werden, entstehen
hochperformante, flexible NAS-Umgebungen. Eine Besonderheit der
Storage-Virtualisierung sind virtuelle Bandlaufwerke. Dabei werden ganze
Tape-Bibliotheken auf einer Festplatte emuliert. Das verkürzt den Backup und
das Recovery ganz erheblich.
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