zurück Meldungen Artikel Bilder Viten Mappen Termine Kontakte Service Suche Start


Sie sehen den Artikel: Informationen: Das Kapital der Wissensgesellschaft. Veröffentlicht am: 14.05.2008
 
Web-Vorlage

Informationen: Das Kapital der Wissensgesellschaft

 

Analysten von IDC haben in einer aktuellen Studie berechnet, dass die Menge an digitalen Informationen, die allein 2006 produziert wurden, rund 161 Exabyte betrug. Bis 2011 wird sich diese Menge verzehnfachen: 1,8 Zettabyte (IDC, Digital Universe, März 2008). Wollte man diese Datenmenge in Büchern veröffentlichen, würde der   Stapel von der Erde bis zum Pluto reichen. Angesichts dieser Zahlen ist offensichtlich, was seit Jahrzehnten in Politik, Gesellschaft, Presse und Wissenschaft diskutiert wird: Die Informationsgesellschaft ist Realität.

 

Ohne Zweifel hat das Thema durch die fortschreitende Durchdringung fast aller Bereiche unseres Lebensalltags durch digitale Medien und durch die Verlagerung eines Großteils der Wissensproduktion in die digitale Welt einen zusätzlichen Schub bekommen. Im Wirtschaftsleben sehen wir, dass produktive Prozesse immer noch materielle Güter hervorbringen, aber die Verarbeitung und Verknüpfung von Informationen an Wertschöpfungspotenzial erheblich zunehmen. Man muss heute kein Prophet sein, um zu postulieren, dass Informationen und Wissen das wichtigste Kapital des 21. Jahrhunderts darstellen.

 

Meilensteine dieser Entwicklung sind Phänomene wie die New Economy, der Boom der IT-Werte an den internationalen Börsen Ende der 90er Jahre und das Platzen der überzogenen Wachstumserwartungen Anfang dieses Jahrtausends. Perma nent entstehen neue Informations-und Kommunikationstechnologien wie Handys, portable Computer, schnellere Netzwerke und drahtlose Übertragungstechnologien, um immer mehr Informationen schneller zu konsumieren, zu  verarbeiten, auszutauschen oder zu verteilen. Inzwischen scheint der Wandel selbst schon so rasant, dass er das Angebot an Spezialisten und Informationsarbeitern überholt und den gegenwärtigen IT-Fachkräftemangel verursacht hat.

 

Wissen: eine Ressource?

 

In der Debatte um die Entstehung einer Informationsgesellschaft ist Wissen kein Selbstzweck, sondern wird meist als ökonomische Ressource betrachtet. Informationen können im Unternehmen mit Hilfe anderer Produktionsfaktoren wie Mitarbeitern, PCs, Computerprogrammen oder Kommunikationstechniken hergestellt oder eingekauft werden. Es gibt also einen handelbaren Wert der Information. Kundenadressen sind käuflich, Patente oder Markennamen lassen sich veräußern. Der Wert ergibt sich aus dem Nutzen der Information und den Kosten für  Produktion, Bereitstellung und Weiterleitung. So einfach ist die Informationsbewertung allerdings nicht immer: Oft kennt ein Käufer den Wert einer Information nicht vor dem Kauf und kann erst nach dem Erwerb genau sagen, was die Daten für ihn wert sind. Ein Entscheider, der ein Führungsseminar bucht und bezahlt, kann oft erst nach dem Wissenstransfer beurteilen, ob die Investition in Führungsinformationen für ihn lohnend war. Landläufig ist unser Verständnis von Information heute immer mit ihrem pragmatischen Nutzen verbunden: Information führt zu einem Wissensgewinn, sie verringert den Zustand von Ungewissheit, sie verändert den Zustand des Empfängers und sie ist in Form von Sprache oder Signalen übertragbar.

 

Entstehung der Informationsgesellschaft

 

Auch in der Informationsgesellschaft lassen sich Informationen und ihr Wert nicht von den Produktionsprozessen trennen. Durch Informationen allein funktioniert noch keine Volkswirtschaft. Wissen muss zirkulieren und geteilt werden, damit Innovationen entstehen. Die wissenschaftliche Revolution des 16. Jahrhunderts kam nur sehr langsam in Gang, denn das Wissen über die neue Weltordnung verbreitete sich äußerst schleppend. Noch nach 1700 wurde in England nicht vom „Handwerk“, sondern von „Geheimnissen“ gesprochen. Es gab den Schweigeeid, den handwerklich begabte Menschen ablegen mussten. Erst Ende des 18. Jahrhunderts ging die Ära der Geheimnisse des Handwerks zu Ende und Technikschulen ebneten dem Beruf des Ingenieurs den Weg. Erstmals wurden Erfahrungen formal aufbereitet, um Kenntnisse nachvollziehbar zu machen. So konnte die erste industrielle Revolution Information und bestehendes Wissen für bahnbrechende Erfindungen wie die Dampfmaschine, die Eisenbahn und die Telegrafie nutzen. Für die zweite industrielle Revolution nach 1870, in der Kohle durch  Erdöl als Energieträger ersetzt wurde, spielte die Wissenschaft die entscheidende Rolle bei der Anregung von Innovation. In der Tat formierten sich die ersten Forschungs- und Entwicklungslabors während der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts in der deutschen Chemieindustrie. Das Besondere an der gegenwärtigen technologischen Revolution ist nicht der Stellenwert, der Information und Wissen beigemessen wird. Interessant ist, wie diese Information quasi als Rohstoff zur Erzeugung neuen Wissens und zur Entwicklung von Geräten zur Informationsverarbeitung und zur Kommunikation genutzt wird. Ergebnis dieser Metaproduktion ist ein Feuerwerk an Innovationen. „Die neue Quelle der Macht ist nicht mehr Geld in den Händen von Wenigen, sondern Information in den Händen von Vielen“, resümiert der Zukunftsforscher John Naisbitt treffend. Wie misst man aber den Wert dieser neuen Macht? Auch in der Hightech- und Dienstleistungsbranche gilt das Prinzip der Wertmaximierung. Hier entscheidet nicht der Wert des materiellen Vermögens wie Maschinen, Immobilien oder Kapital über den Erfolg der Wertschöpfung. Immaterielle Vermögenswerte wie beispielsweise die Erfahrung der Mitarbeiter, patentiertes Know-how, langfristige Kundenbeziehungen, starke Marken, eine funktionierende  Informationsinfrastruktur oder eine gewachsene Unternehmenskultur züngeln an der Wettbewerbswaage von wissensintensiven Organisationen. Mit dem Rückgang der materiellen Produktion in der Informationsgesellschaft hat die Bedeutung immaterieller Werte zugenommen. Es besteht mitunter eine große Diskrepanz zwischen dem Börsenwert einer Aktiengesellschaft und ihrem in der Bilanz errechneten Buchwert.

 

Weiche Werte

 

Diese Lücke gibt Auskunft über die Summe der immateriellen Vermögenswerte und beträgt je nach Branche bis zu 90 Prozent des Gesamtwertes. Ein Beispiel ist der österreichische Limonadenhersteller Red Bull, der nur drei Produkte vertreibt, keine Produktionskapazitäten hat und 1,26 Milliarden Euro Jahresumsatz erzielt. Eine weltweit bekannte Marke, die patentierten Rezepte und eine besondere Unternehmenskultur lassen den Marktwert auf über 8,5 Mrd. Euro steigen. Um auch in der Bilanz realistischere Unternehmenswerte darzustellen, berücksichtigen die ab 2005 gültigen International Accounting Standards (IAS) immaterielle Werte in der Buchhaltung. Ein höherer Buchwert wirkt sich auf Refinanzierungskosten, Abschreibungsmöglichkeiten, Kreditvergabe-modalitäten und viele andere wirtschaftliche Parameter aus. Ergo müssen alle immateriellen Werte erfasst und konsequent auf die jeweilige Unternehmensstrategie hin ausgerichtet werden. Das Management derselben wird zum Treiber des künftigen Erfolgs. Inzwischen gibt es hierzulande immer mehr kleine und mittelständische Unternehmen, die in einer Wissensbilanz auch die weichen Produktionsfaktoren auflisten. Das  Bundes-wirtschaftsministerium hat hierzu 2003 das Projekt „Wissensbilanz – Made in Germany“ initiiert, an dem derzeit 30 Mittelständler teilnehmen. Mitarbeiterkompetenzen, Informations-technologie und Kundenbeziehungen werden als intellektuelles Kapital klassifiziert und eröffnen den Firmen neue Chancen durch Wissen über verborgene Potenziale.

 

Im Schwitzkasten der Digitalisierung

 

Schon lange vor dem Digitalisierungszeitalter war die Art und Weise, wie mit Informationen umgegangen wurde, für ihren Wert entscheidend. Das zeigen die verschiedenen Systeme der Buchführung, die ihren Ursprung im 13. Jahrhundert in Oberitalien hatten. In Lohn- und Kalkulationsbüros bildeten sich Ablagesysteme, Akteien, Karteikartentechniken und Registraturen. Ziel war es immer, schnell und systematisch auf die gewünschte oder relevante Information zugreifen zu können. Nur so bringt die Information den eingangs definierten Wissenszuwachs. Auch heute, im Zeitalter des digitalen Universums, geht es im Kern darum, Information angemessen zu sortieren, zu verknüpfen und zu nutzen. Anstatt der traditionellen Registraturen sind es heute allerdings durch Informationstechnologie automatisierte, strukturierte Geschäfts-prozesse, die die Informationsflut kanalisieren. John Gantz, Chief Research Officer und  Senior Vice President bei IDC, fasst die Herausforderung, die durch die komplette Wandlung des analogen, endlichen Informationsbegriffes hin zu seiner digitalen Unendlichkeit entsteht, noch weiter: „Aus technologischer Sicht werden Unternehmen immer ausgefeiltere Techniken entwickeln müssen, um die täglich entstehenden Informationsmengen zu transportieren, zu speichern, zu schützen oder wieder herzustellen.“ Beim Stichwort Datenschutz ergibt sich ein neuer Ansatzpunkt für die Bestimmung des Wertes von Informationskapital. Die Ausgaben für Sicherheits-Software sollen laut IDC von 40 Milliarden US-Dollar in 2006 auf 65 Milliarden US-Dollar in 2010 ansteigen. Was es kostet, wenn sensible Daten von Unbefugten missbraucht werden, weiß Kevin Dougherty, IT-Chef bei der Federal Credit Union in Orlando, Florida: „Wir hatten plötzlich eine immense Zunahme an Phishing- und DoS- (Denial of Service) Angriffen und die Wochen danach entwickelten sich zu einem Albtraum.“ Das System musste nach den Attacken für 100.000 US-Dollar von allen falschen Daten befreit und für die Kunden mussten neue Zugänge und Karten ausgestellt werden. Auch das Umsatzpotenzial, das eine Information in den richtigen oder falschen Händen entwickelt, bestimmt ihren Wert. 

 

Eine unscheinbare DVD mit Daten wie Musik oder einem gesprochenen Text ist im Handel um die 20 Euro wert. Dem Bundesnachrichtendienst war eine DVD mit Informationen über Machenschaften der Liechtensteiner Fürstenbank und Daten über Steuersünder fünf Millionen Euro wert. Kein Wunder, denn die genannten Verdächtigen sollen den deutschen Staat um mindestens 300 Millionen Steuer-Euro geprellt haben. Die Zugriffsgeschwindigkeit auf gewisse Informationen kann ebenfalls ihren Kapitalwert steigern: Wenn der Online-Börsenhandel über modernste Flash-Festplatten schneller abgewickelt wird, kann jede Millisekunde eingesparte ein jährliches Umsatzplus von 100 Millionen US-Dollar bedeuten.

 

Informationsselektion hat Zukunft

 

Es ist unumstritten: Informationen stellen im Wirtschaftsleben heute das wertvollste Kapital dar. Wertschöpfung entsteht immer häufiger dort, wo relevante Informationen von den richtigen Personen und Prozessen zur richtigen Zeit genutzt werden. Bei der Bewertung des vorhandenen Informationskapitals stehen viele Unternehmen noch am Anfang. Hier gilt es, mittels Informations-Management mehr Transparenz zu schaffen und ungenutzte Schätze zu entdecken. Zusätzlich sind wir gehalten, die Errungenschaften der modernen Informationstechnologie zu nutzen, um die wachsende Komplexität von Informationsstrukturen und - zuwachs zu bewältigen. Automatisierungstechnologien müssen helfen, verschiedene Informationsarten in die richtigen „Karteikästen“ zu  sortieren und sie schließlich wieder zu finden. Die Aussage des 1920 geborenen Informatikers und Computerpioniers Heinz Zemanek hat in diesem Zusammenhang nichts von ihrer Aktualität eingebüßt: „Man hält die Erzeugung von Informationen für ein Zeichen von Intelligenz, während in Wirklichkeit das Gegenteil richtig ist: Die Reduktion, die Auswahl der Information ist die viel höhere Leistung.“

((11.490 Zeichen))

 

>
 

Diesen Artikel als PDF-Datei downloaden  

 

 

 
Zu diesem Artikel ist derzeit kein Bild vorhanden
 
Zu diesem Artikel ist derzeit keine Vita vorhanden