Informationen: Das Kapital der Wissensgesellschaft
Analysten von IDC haben in einer aktuellen Studie berechnet,
dass die Menge an digitalen Informationen, die allein 2006 produziert wurden,
rund 161 Exabyte betrug. Bis 2011 wird sich diese Menge verzehnfachen: 1,8
Zettabyte (IDC, Digital Universe, März 2008). Wollte man diese Datenmenge in
Büchern veröffentlichen, würde der
Stapel von der Erde bis zum Pluto reichen. Angesichts dieser Zahlen ist
offensichtlich, was seit Jahrzehnten in Politik, Gesellschaft, Presse und
Wissenschaft diskutiert wird: Die Informationsgesellschaft ist Realität.
Ohne Zweifel hat das Thema durch die fortschreitende
Durchdringung fast aller Bereiche unseres Lebensalltags durch digitale Medien
und durch die Verlagerung eines Großteils der Wissensproduktion in die digitale
Welt einen zusätzlichen Schub bekommen. Im Wirtschaftsleben sehen wir, dass
produktive Prozesse immer noch materielle Güter hervorbringen, aber die
Verarbeitung und Verknüpfung von Informationen an Wertschöpfungspotenzial
erheblich zunehmen. Man muss heute kein Prophet sein, um zu postulieren, dass
Informationen und Wissen das wichtigste Kapital des 21. Jahrhunderts
darstellen.
Meilensteine dieser Entwicklung sind Phänomene wie die New
Economy, der Boom der IT-Werte an den internationalen Börsen Ende der 90er
Jahre und das Platzen der überzogenen Wachstumserwartungen Anfang dieses
Jahrtausends. Perma nent entstehen neue Informations-und
Kommunikationstechnologien wie Handys, portable Computer, schnellere Netzwerke und
drahtlose Übertragungstechnologien, um immer mehr Informationen schneller zu
konsumieren, zu verarbeiten,
auszutauschen oder zu verteilen. Inzwischen scheint der Wandel selbst schon so
rasant, dass er das Angebot an Spezialisten und Informationsarbeitern überholt
und den gegenwärtigen IT-Fachkräftemangel verursacht hat.
Wissen: eine Ressource?
In der Debatte um die Entstehung einer
Informationsgesellschaft ist Wissen kein Selbstzweck, sondern wird meist als
ökonomische Ressource betrachtet. Informationen können im Unternehmen mit Hilfe
anderer Produktionsfaktoren wie Mitarbeitern, PCs, Computerprogrammen oder
Kommunikationstechniken hergestellt oder eingekauft werden. Es gibt also einen
handelbaren Wert der Information. Kundenadressen sind käuflich, Patente oder
Markennamen lassen sich veräußern. Der Wert ergibt sich aus dem Nutzen der
Information und den Kosten für
Produktion, Bereitstellung und Weiterleitung. So einfach ist die
Informationsbewertung allerdings nicht immer: Oft kennt ein Käufer den Wert
einer Information nicht vor dem Kauf und kann erst nach dem Erwerb genau sagen,
was die Daten für ihn wert sind. Ein Entscheider, der ein Führungsseminar bucht
und bezahlt, kann oft erst nach dem Wissenstransfer beurteilen, ob die
Investition in Führungsinformationen für ihn lohnend war. Landläufig ist unser
Verständnis von Information heute immer mit ihrem pragmatischen Nutzen
verbunden: Information führt zu einem Wissensgewinn, sie verringert den Zustand
von Ungewissheit, sie verändert den Zustand des Empfängers und sie ist in Form
von Sprache oder Signalen übertragbar.
Entstehung der Informationsgesellschaft
Auch in der Informationsgesellschaft lassen sich
Informationen und ihr Wert nicht von den Produktionsprozessen trennen. Durch
Informationen allein funktioniert noch keine Volkswirtschaft. Wissen muss
zirkulieren und geteilt werden, damit Innovationen entstehen. Die
wissenschaftliche Revolution des 16. Jahrhunderts kam nur sehr langsam in Gang,
denn das Wissen über die neue Weltordnung verbreitete sich äußerst schleppend.
Noch nach 1700 wurde in England nicht vom „Handwerk“, sondern von
„Geheimnissen“ gesprochen. Es gab den Schweigeeid, den handwerklich begabte
Menschen ablegen mussten. Erst Ende des 18. Jahrhunderts ging die Ära der
Geheimnisse des Handwerks zu Ende und Technikschulen ebneten dem Beruf des
Ingenieurs den Weg. Erstmals wurden Erfahrungen formal aufbereitet, um
Kenntnisse nachvollziehbar zu machen. So konnte die erste industrielle
Revolution Information und bestehendes Wissen für bahnbrechende Erfindungen wie
die Dampfmaschine, die Eisenbahn und die Telegrafie nutzen. Für die zweite
industrielle Revolution nach 1870, in der Kohle durch Erdöl als Energieträger ersetzt wurde, spielte die Wissenschaft
die entscheidende Rolle bei der Anregung von Innovation. In der Tat formierten
sich die ersten Forschungs- und Entwicklungslabors während der letzten
Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts in der deutschen Chemieindustrie. Das Besondere
an der gegenwärtigen technologischen Revolution ist nicht der Stellenwert, der
Information und Wissen beigemessen wird. Interessant ist, wie diese Information
quasi als Rohstoff zur Erzeugung neuen Wissens und zur Entwicklung von Geräten
zur Informationsverarbeitung und zur Kommunikation genutzt wird. Ergebnis dieser
Metaproduktion ist ein Feuerwerk an Innovationen. „Die neue Quelle der Macht
ist nicht mehr Geld in den Händen von Wenigen, sondern Information in den
Händen von Vielen“, resümiert der Zukunftsforscher John Naisbitt treffend. Wie
misst man aber den Wert dieser neuen Macht? Auch in der Hightech- und
Dienstleistungsbranche gilt das Prinzip der Wertmaximierung. Hier entscheidet
nicht der Wert des materiellen Vermögens wie Maschinen, Immobilien oder Kapital
über den Erfolg der Wertschöpfung. Immaterielle Vermögenswerte wie
beispielsweise die Erfahrung der Mitarbeiter, patentiertes Know-how,
langfristige Kundenbeziehungen, starke Marken, eine funktionierende Informationsinfrastruktur oder eine
gewachsene Unternehmenskultur züngeln an der Wettbewerbswaage von wissensintensiven
Organisationen. Mit dem Rückgang der materiellen Produktion in der
Informationsgesellschaft hat die Bedeutung immaterieller Werte zugenommen. Es
besteht mitunter eine große Diskrepanz zwischen dem Börsenwert einer
Aktiengesellschaft und ihrem in der Bilanz errechneten Buchwert.
Weiche Werte
Diese Lücke gibt Auskunft über die Summe der immateriellen
Vermögenswerte und beträgt je nach Branche bis zu 90 Prozent des Gesamtwertes.
Ein Beispiel ist der österreichische Limonadenhersteller Red Bull, der nur drei
Produkte vertreibt, keine Produktionskapazitäten hat und 1,26 Milliarden Euro
Jahresumsatz erzielt. Eine weltweit bekannte Marke, die patentierten Rezepte
und eine besondere Unternehmenskultur lassen den Marktwert auf über 8,5 Mrd.
Euro steigen. Um auch in der Bilanz realistischere Unternehmenswerte
darzustellen, berücksichtigen die ab 2005 gültigen International Accounting
Standards (IAS) immaterielle Werte in der Buchhaltung. Ein höherer Buchwert
wirkt sich auf Refinanzierungskosten, Abschreibungsmöglichkeiten,
Kreditvergabe-modalitäten und viele andere wirtschaftliche Parameter aus. Ergo
müssen alle immateriellen Werte erfasst und konsequent auf die jeweilige
Unternehmensstrategie hin ausgerichtet werden. Das Management derselben wird zum
Treiber des künftigen Erfolgs. Inzwischen gibt es hierzulande immer mehr kleine
und mittelständische Unternehmen, die in einer Wissensbilanz auch die weichen
Produktionsfaktoren auflisten. Das
Bundes-wirtschaftsministerium hat hierzu 2003 das Projekt „Wissensbilanz
– Made in Germany“ initiiert, an dem derzeit 30 Mittelständler
teilnehmen. Mitarbeiterkompetenzen, Informations-technologie und
Kundenbeziehungen werden als intellektuelles Kapital klassifiziert und eröffnen
den Firmen neue Chancen durch Wissen über verborgene Potenziale.
Im Schwitzkasten der Digitalisierung
Schon lange vor dem Digitalisierungszeitalter war die Art und
Weise, wie mit Informationen umgegangen wurde, für ihren Wert entscheidend. Das
zeigen die verschiedenen Systeme der Buchführung, die ihren Ursprung im 13.
Jahrhundert in Oberitalien hatten. In Lohn- und Kalkulationsbüros bildeten sich
Ablagesysteme, Akteien, Karteikartentechniken und Registraturen. Ziel war es
immer, schnell und systematisch auf die gewünschte oder relevante Information
zugreifen zu können. Nur so bringt die Information den eingangs definierten
Wissenszuwachs. Auch heute, im Zeitalter des digitalen Universums, geht es im
Kern darum, Information angemessen zu sortieren, zu verknüpfen und zu nutzen.
Anstatt der traditionellen Registraturen sind es heute allerdings durch
Informationstechnologie automatisierte, strukturierte Geschäfts-prozesse, die
die Informationsflut kanalisieren. John Gantz, Chief Research Officer und Senior Vice President bei IDC, fasst
die Herausforderung, die durch die komplette Wandlung des analogen, endlichen
Informationsbegriffes hin zu seiner digitalen Unendlichkeit entsteht, noch
weiter: „Aus technologischer Sicht werden Unternehmen immer ausgefeiltere
Techniken entwickeln müssen, um die täglich entstehenden Informationsmengen zu
transportieren, zu speichern, zu schützen oder wieder herzustellen.“ Beim
Stichwort Datenschutz ergibt sich ein neuer Ansatzpunkt für die Bestimmung des
Wertes von Informationskapital. Die Ausgaben für Sicherheits-Software sollen
laut IDC von 40 Milliarden US-Dollar in 2006 auf 65 Milliarden US-Dollar in
2010 ansteigen. Was es kostet, wenn sensible Daten von Unbefugten missbraucht
werden, weiß Kevin Dougherty, IT-Chef bei der Federal Credit Union in Orlando,
Florida: „Wir hatten plötzlich eine immense Zunahme an Phishing- und DoS-
(Denial of Service) Angriffen und die Wochen danach entwickelten sich zu einem
Albtraum.“ Das System musste nach den Attacken für 100.000 US-Dollar von allen
falschen Daten befreit und für die Kunden mussten neue Zugänge und Karten
ausgestellt werden. Auch das Umsatzpotenzial, das eine Information in den
richtigen oder falschen Händen entwickelt, bestimmt ihren Wert.
Eine unscheinbare DVD mit Daten wie Musik oder einem
gesprochenen Text ist im Handel um die 20 Euro wert. Dem
Bundesnachrichtendienst war eine DVD mit Informationen über Machenschaften der
Liechtensteiner Fürstenbank und Daten über Steuersünder fünf Millionen Euro
wert. Kein Wunder, denn die genannten Verdächtigen sollen den deutschen Staat
um mindestens 300 Millionen Steuer-Euro geprellt haben. Die
Zugriffsgeschwindigkeit auf gewisse Informationen kann ebenfalls ihren
Kapitalwert steigern: Wenn der Online-Börsenhandel über modernste
Flash-Festplatten schneller abgewickelt wird, kann jede Millisekunde
eingesparte ein jährliches Umsatzplus von 100 Millionen US-Dollar bedeuten.
Informationsselektion hat Zukunft
Es ist unumstritten: Informationen stellen im
Wirtschaftsleben heute das wertvollste Kapital dar. Wertschöpfung entsteht
immer häufiger dort, wo relevante Informationen von den richtigen Personen und
Prozessen zur richtigen Zeit genutzt werden. Bei der Bewertung des vorhandenen
Informationskapitals stehen viele Unternehmen noch am Anfang. Hier gilt es,
mittels Informations-Management mehr Transparenz zu schaffen und ungenutzte
Schätze zu entdecken. Zusätzlich sind wir gehalten, die Errungenschaften der
modernen Informationstechnologie zu nutzen, um die wachsende Komplexität von
Informationsstrukturen und - zuwachs zu bewältigen.
Automatisierungstechnologien müssen helfen, verschiedene Informationsarten in
die richtigen „Karteikästen“ zu
sortieren und sie schließlich wieder zu finden. Die Aussage des 1920
geborenen Informatikers und Computerpioniers Heinz Zemanek hat in diesem
Zusammenhang nichts von ihrer Aktualität eingebüßt: „Man hält die Erzeugung von
Informationen für ein Zeichen von Intelligenz, während in Wirklichkeit das
Gegenteil richtig ist: Die Reduktion, die Auswahl der Information ist die viel
höhere Leistung.“
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