Weltkulturerbe digital
Ein Hauch von Ewigkeit
In Zeiten unablässigen Datenwachstums in nahezu allen
Lebensbereichen kommt es vor, dass wir vergessen, wie kostbar und fragil viele
dieser Informationen sind – insbesondere, wenn sie unser kulturelles Erbe
betreffen. Doch hin und wieder werden wir brutal daran erinnert, was uns
unwiderruflich verloren geht, wenn diese Daten nicht mehr auffindbar sind: Im
Februar 2007 gaben NASA-Mitarbeiter zu, dass die original Tonaufzeichnungen der
ersten Mondbegehung verschwunden seien. Im September 2004 zerstörte ein
verheerender Brand in der Anna Amalia Bibliothek mehr als 50.000 Bände ihres
wertvollen Bestandes aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Seit dem Jahr 2000
betreibt Südkorea eine groß angelegte Kampagne, um den verloren gegangene Band
der zweibändigen Jikji-Kollektion wiederzufinden. Die kostbare Sammlung
buddhistischer Lehren ist mittlerweile als erstes Dokument weltweit anerkannt,
das mit beweglichen Metall-Lettern gedruckt wurde, bereits 70 Jahre vor der
Gutenberg Bibel.
Weltweit haben diese Vorkommnisse große Beachtung gefunden
– geht doch mit jedem Verlust ein Teil unserer Geschichte verloren
– und dafür gesorgt, dass Organisationen und Unternehmen sich zunehmend
für die Digitalisierung unseres kulturellen Erbes stark machen. Egal ob
historische Dokumente, literarische Manuskripte, Fotografien, Ton-, Film- oder
Audioaufzeichnungen, sie alle werden durch eine Digitalisierung nicht nur
geschützt sondern können auch via Internet einer breiten Masse rund um den Globus
zur Verfügung gestellt werden. Im Zuge dessen ist zwangsläufig auch die
Diskussion darüber entbrannt, welche Standards und Vorgehensweisen sich am
besten für die Archivierung und Bereitstellung des digitalen Kulturerbes
eignen.
JFK Presidential Library demokratisiert Informationen
Eines der ambitionierten Projekte in diesem Zusammenhang hat
die „John F. Kennedy Presidential Library and Museum“ in Boston gemeinsam mit
der „National Archives and Records Administration“ ins Leben gerufen. Die von
EMC und der John F. Kennedy Library Foundation gesponserte Initiative
realisiert damit das erste digitale Archiv einer kompletten Amtsperiode eines
Präsidenten. Während der nächsten zehn Jahre wird die gesamte präsidiale
Sammlung der Bibliothek digitalisiert, indiziert, archiviert und via Internet (www.jfklibrary.org) zur Verfügung
gestellt. Das Projekt dient als Modell für elf weitere präsidentiale
Bibliotheken der National Archives.
„Hier geht es tatsächlich um die Demokratisierung von
Informationen“, erklärt Ron Whealan, Chef-Bibliothekar der Kennedy Library und
Mitglied des Projektteams. „Unsere Sammlung wird dann für jeden zugänglich
sein. Nicht nur für Wissenschaftler und Historiker, die über die nötigen Mittel
für eine Reise nach Boston verfügen.“ Die Menschen werden sich intensiv mit den
Ereignissen der Kennedy-Ära beschäftigen können: mit dem Civil Rights Movement,
dem Wettrennen um die erste bemannte Mondlandung, den Spannungen mit der
Sowjetunion während des Kalten Krieges sowie der Kuba-Krise, die die Welt
damals an den Rand eines Atomkrieges gebracht hat.
Eine Mammutaufgabe
Zunächst einmal wird das Team um Ron Whealan mit der
Digitalisierung von Präsident Kennedys Dienstakten beginnen: insgesamt 190.000
Dokumente inklusive geheimer Aufzeichnungen von Meetings und Telefonaten aus
dem Oval Office. „Neben den Akten der National Security ist dies die
wahrscheinlich bedeutendste Sammlung der Bibliothek“, sagt Whealan. „Sie bietet
außergewöhnliche Einblicke in die Arbeitsweise des Weißen Hauses. Wir nutzen
sie als Testumgebung, um die bestmögliche Vorgehensweise für die
Digitalisierung einer solchen Masse an Material zu finden.“ Die
Herausforderungen dabei sind vielfältig und teilweise sehr komplex: Wie
klassifizieren wir Millionen von Textseiten so, dass der historische Kontext,
in dem sie entstanden sind, erhalten bleibt? Wie muss ein begehrtes Foto
indiziert werden, um es in der riesigen Menge digitaler Informationen
wiederzufinden? Wie stellen wir sicher, dass die Dateien lesbar bleiben, auch
wenn sich im Laufe der Jahre technologische Standards, Hard- und Software
verändern?
Um diese Fragestellungen zu beantworten, tauscht sich das
Projektteam der JFK-Library regelmäßig mit anderen Institutionen aus. Oft
stellen Whealan und seine Kollegen dabei fest, dass sie bereits um einiges
weiter sind, als andere Organisationen. Nichtsdestotrotz bleibt es für sie eine
unvorstellbar große Aufgabe und Herausforderung, die 12 Millionen Textseiten,
9000 Stunden Ton, zirka 2,3 Millionen Meter Film- und 1200 Stunden
Videoaufzeichnungen sowie 150.000 Fotografien zu archivieren und damit den
Menschen weltweit zur Verfügung zu stellen sowie der Nachwelt hoffentlich auf
ewig zu erhalten.
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