zurück Meldungen Artikel Bilder Viten Mappen Termine Kontakte Service Suche Start


Sie sehen den Artikel: Betändiger Stein, flüchtiges Byte. Veröffentlicht am: 03.07.2006
 
Web-Vorlage

Hintergrundartikel

 

Beständiger Stein, flüchtiges Byte

 

Langzeitarchivierung war schon für die Ägypter ein Thema. Ihre Strategie war so gut, dass die Informationen auch nach zwei Jahrtausenden noch verstanden werden. Heute vernichtet der digitale Alzheimer schon nach wenigen Jahren gespeicherte Daten.

 

Als Napoleon 1799 in Ägypten einmarschierte, fanden die Franzosen in der Hafenstadt Rosette im Nildelta einen Stein, der Geschichte machte. Die halbrunde Stele, die heute allgemein unter dem Namen Stein von Rosette bekannt ist, wurde zum Schlüssel für die moderne Ägyptologie. In drei verschiedenen Schriften hatte der Rat der ägyptischen Priester 196 vor Christi ein Dekret einmeißeln lassen: in Hieroglyphen, in Demotisch und in Griechisch. Gut 2.000 Jahre später gelang es dem französischen Forscher Jean-François Champollion, durch den Vergleich der verschiedenen Sprachen und Schriftzeichen den Inhalt der Inschrift zu erschließen. Gleichzeitig entschlüsselte er die Hieroglyphen-Schrift und schuf damit die Grundlage, weitere Hinterlassenschaften der alten Ägypter zu verstehen – zwei Jahrtausende nach ihrer Entstehung. Natürlich denkt heute beim Thema digitale Langzeitarchivierung keiner an eine solche Zeitspanne. Doch wenn man sich vor Augen hält, dass durch den technischen Fortschritt oft schon nach einem Jahr Hardware- und Software-Lösungen durch neue Versionen abgelöst werden, wird das Problem deutlich: Unternehmen wie auch die Gesellschaft stehen vor einer Flut digitaler Daten, die sie aus rechtlichen, kulturellen oder auch historischen Gründen für die Zukunft aufbewahren müssen – doch wie?

 

Der Vergleich mit dem Stein von Rosette weist nicht nur auf die mangelnde Beständigkeit moderner Informationstechnologien hin. Die Geschichte der Inschrift zeigt, dass es grundlegende Probleme bei der dauerhaften und unveränderlichen Speicherung von Informationen gibt, für die schon die alten Ägypter Lösungen gesucht und gefunden haben. Das augenscheinlichste Problem ist der Datenträger. Die Ägypter kannten und nutzten Papyrus – und wussten offensichtlich um seine Vergänglichkeit. Denn nur so ist nachvollziehbar, warum sie das erheblich schwieriger zu bearbeitende Medium Stein für ihre Inschrift wählten. Das zweite Problem ist nicht so offensichtlich. Es betrifft die Darstellung der Information und ihre Verständlichkeit in der Zukunft. Denn auch wenn die einzelnen Zeichen auch nach zwei Jahrtausenden noch eindeutig erkennbar waren, das Wissen um ihre Bedeutung war längst verschwunden. Die Ägypter haben dafür eine elegante Lösung gefunden, indem sie den Text in den damals bekanntesten drei Sprachen in Stein meißelten. Sie entwickelten damit einen Interpretationsrahmen, der auch 2.000 Jahre später noch zu rekonstruieren war.

 

Beide Probleme, die Haltbarkeit des Datenträgers sowie die Lesbarkeit des Inhalts sind heute noch dieselben wie vor 2.000 Jahren. Allerdings hat die digitale Technologie das Problem um eine dritte Facette erschwert: digital gespeicherte Informationen können ohne ein geeignetes Lesegerät überhaupt nicht dargestellt werden. Das fängt bei der Hardware an. So waren beispielsweise bis vor wenigen Jahren 3,5-Zoll-Disketten weit verbreit. Heute besitzen viele Computer kein passendes Laufwerk mehr. Ganz zu schweigen davon, dass Disketten  häufig schon nach fünf Jahren nicht mehr lesbar sind. Doch selbst wer noch ein geeignetes Laufwerk besitzt, kann mit den gespeicherten Daten vermutlich kaum etwas anfangen. Da viele Betriebssysteme und Anwendungen ein proprietäres Verfahren für die Codierung der Daten einsetzen, benötigt man zum Auslesen Systeme, die kompatibel sind zu dem System, mit dem die Daten ursprünglich erstellt wurden. Doch meist sind nicht einmal diese Informationen bekannt, so dass es praktisch unmöglich ist, die Daten originalgetreu zu rekonstruieren.

 

Mittlerweile gibt es verschiedene Initiativen, die sich in Europa und den USA mit dem Thema Langzeitarchivierung digitaler Informationen beschäftigen. In Deutschland sind hier vor allem das „Kompetenznetzwerk Langzeitarchivierung und Langzeitverfügbarkeit digitaler Ressourcen für Deutschland“ – kurz: nestor – sowie das Projekt kopal („Kooperativer Aufbau eines Langzeitarchivs digitaler Informationen“) zu nennen. nestor versteht sich in erster Linie als Austauschplattform für nationale und internationale Projekte, Initiativen und Unternehmen, die sich mit der dauerhaften Archivierung von digitalen Inhalten beschäftigen. kopal leistet Pionierarbeit, indem im Rahmen dieses Projekts ein Langzeitarchiv für die zersplitterte deutsche Verlags- und Bibliothekslandschaft aufgebaut wird. Um eine einheitliche Archivierungsplattform für die verschiedenen von den Verlagen eingesetzten Dokumententypen zur Verfügung zu stellen, hat kopal eine offene Plattform entwickelt, die alle gängigen Formate einschließt. Dabei wird gemeinsam mit den Objekten eine standardisierte Beschreibung für Dokumententypen und Formate als Metadaten gespeichert. Darin sind sowohl bibliographische Angaben wie auch technische Daten enthalten. Die technischen Metadaten umfassen Angaben zu dem System und den Anwendungen, mit denen die Daten erstellt wurden. Über diese Angaben können beispielsweise alle Objekte ausfindig gemacht werden, die mit einer bestimmten Version eines Programms erstellt wurden. Sollte diese Version nicht mehr am Markt erhältlich sein, könnten so alle betroffenen Daten auf eine neuere migriert werden. Dabei werden bevorzugt offene Formate gewählt, um eine möglichst große Unabhängigkeit von der Produktpolitik der Hersteller zu wahren.

 

Auch für Unternehmen ist es entscheidend, sich Gedanken über eine Strategie zur langfristigen Archivierung relevanter Daten zu machen. Betroffen sind auf jeden Fall jene Daten, die im Falle einer Steuerprüfung oder eines Rechtsstreits benötigt werden können. Aber auch Entwicklungsdaten oder Forschungsergebnisse können unter Umständen in einigen Jahrzehnten wieder relevant werden, so dass diese ebenfalls in eine Archivierungsstrategie eingebunden werden sollten. In der Vergangenheit wurde das Problem zu häufig unterschätzt. So hat die NASA wissenschaftlichen Untersuchungsdaten von den Mondmissionen verloren, weil die Magnetbänder nicht rechtzeitig migriert wurden und nicht mehr lesbar waren. Das Bonmot vom „digitalen Alzheimer“ macht seitdem die Runde.

 

Vor 2.000 Jahren reichte es aus, einige vorausschauende Überlegungen anzustellen und das Ergebnis in einer Steinmetzarbeit niederzulegen. Seitdem wurde der Stein von Rosette nicht mehr verändert. Auch später, als man längst auf Pergament und Papier umgestiegen war, waren Migrationszyklen eher eine Frage von Jahrhunderten denn von Jahrzehnten. Heute, wo durch die zunehmende Digitalisierung aller Lebens- und Arbeitswelten immer mehr Informationen erfasst und gespeichert werden, sind die notwendigen Migrationszyklen teilweise bis auf ein Jahr geschrumpft. Langzeitarchivierung ist ein aufwändiger Prozess geworden, der die stete Aufmerksamkeit der Verantwortlichen erfordert. Eine intelligente Archivierungsstrategie kann jedoch vieles vereinfachen.

 

 

 

 

>
 

Diesen Artikel als PDF-Datei downloaden  

 

 

 
Zu diesem Artikel ist derzeit kein Bild vorhanden
 
Zu diesem Artikel ist derzeit keine Vita vorhanden