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Sie sehen den Artikel: Geschichte der Bibliothek. Veröffentlicht am: 18.11.2005
 
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Hintergrund

 

Geschichte der Herzogin Anna Amalia Bibliothek

 

Die Bibliothek hat ihren Hauptsitz im "Grünen Schlösschen", das Herzog Johann Wilhelm 1562 bis 1565 als fürstliches Wohngebäude inmitten einer Gartenanlage errichten ließ und das später als Zeughaus diente. Architekt war der Renaissancebaumeister Nicol Gromann. 1761 bis 1766 wurde der kleine Palast unter Herzogin Anna Amalia zum Bibliotheksgebäude umgestaltet und im Inneren und Äußeren dem Geschmack des 18. Jahrhunderts angepasst. Der im ersten Stockwerk eingerichtete Rokokosaal bildete das Glanzstück des neu gestalteten Baus.

 

Auf Anregung Goethes entstand 1803 bis 1805 ein Verbindungsbau zwischen der Bibliothek und dem alten Stadtturm aus dem Jahr 1453. Der Turm selbst wurde 1821 bis 1825 in ein Büchermagazin umgewandelt und um einen neugotischen Vorbau ergänzt. Im Inneren des Turms wurde eine aus der Weidaer Osterburg stammende alte Wendeltreppe eingebaut, deren Spindel aus einem einzigen Eichenstamm gearbeitet ist. 1849 waren die letzten Bauarbeiten am historischen Bibliotheksgebäude, nämlich die Erweiterung um zwei Fensterachsen nach Norden, abgeschlossen. So erhielt das Haus an Goethes 100. Geburtstag, der in der Bibliothek gefeiert wurde, sein heutiges Aussehen.

 

Von Anfang an gehörten zahlreiche Ölgemälde und Büsten, Kupferstiche und Karten, Globen und Medaillen zur Ausstattung der Bibliothek. Architektur, Kunstschatz und Buchbestand in ihrer Harmonie repräsentierten für das 18. Jahrhundert die Ordnung des Wissens von der Welt. Der Rokokosaal der Herzogin Anna Amalia Bibliothek ist ein singuläres Beispiel für die Veranschaulichung des geistigen Kosmos der Epoche.

 

In den 21 x 11 Meter großen Raum des ersten Stockwerks hatte der Thüringer Landbaumeister August Friedrich Straßburger einen hohen ovalen Bibliothekssaal mit zwei Galerien eingefügt. Das Oval wird durch 12 Pilaster gebildet, deren Zwischenräume teils mit Büchergestellen gefüllt, teils für Durchgänge und Lichteinfall freigehalten sind. So ist ein Binnenraum entstanden, dessen festliche Wirkung durch die Fülle der Ölgemälde und Büsten erhöht wird. Um die Pilaster herum führt ein Gang, der den Zugriff auf die Bücher in den Regalen an der Binnenseite und zur Außenwand des Gebäudes möglich macht. Auf der ersten Galerie sind die Zwischenräume zwischen den tragenden Pfeilern mit Bücherregalen gefüllt und nur in den Fensterachsen unterbrochen. Um auch auf der zweiten Galerie möglichst viel Stellfläche zu gewinnen, ist der Deckenausschnitt des obersten Geschosses klein gehalten. Er ist gerade groß genug, um das Gemälde von Johann Heinrich Meyer ("Genius des Ruhms", nach Annibale Carracci) erkennen zu lassen. Durch die zweckmäßige Raumgliederung können auf den drei Geschoßebenen des Rokokosaals und den angrenzenden Nebenräumen etwa 100 000 Bücher aufgestellt werden. Anders als etwa in den süddeutschen Klosterbibliotheken wurde auf die Verwendung wertvollen Materials für die Ausstattung verzichtet. Die Pilaster mit ihren Kapitellen sind ebenso wie die Emporengeländer aus Holz, die Rocailleverzierungen, zum Teil vergoldet, bestehen aus Stukkaturgips, die Wände und Regaleinfassungen sind weiß gehalten. In diesem noblen, aber nicht prunkvollen Rahmen erscheinen die aufgestellten Bücher und Kunstwerke als die eigentlich kostbaren Objekte.

 

Unter den Skulpturen seien besonders genannt: verschiedene Büsten Goethes (von den Bildhauern Trippel, Klauer, David d'Angers), Schillers (Dannecker), Herders (Trippel, Klauer), Wielands (Schadow, Kaufmann) und Anna Amalias (Klauer, Weißer). Unter den Bildnissen sind hervorzuheben: das Aquarell von Georg Melchior Kraus (Die Tafelrunde bei Anna Amalia), Gemälde von Johann Joseph Schmeller (Goethe in seinem Arbeitszimmer, dem Schreiber John diktierend) und Johann Friedrich August Tischbein (Schiller) sowie eine Kreidezeichnung von Ferdinand Jagemann (Schiller auf dem Totenbett). Beherrschender Mittelpunkt des Rokokosaals ist das große Ölbild des Herzogs Carl August, das ebenfalls Jagemann geschaffen hat.

 

Geschichte der Bibliothek

 

Die Herzogliche Bibliothek ist älter als der Rokokosaal. Sie war zunächst im Stadtschloss untergebracht. Als Gründer der Weimarer Bibliothek gilt Herzog Wilhelm Ernst (1662 - 1728). Vom Jahr 1691 an, als 500 genau inventarisierte Bücher aus einem Erbteilungsvertrag den bereits vorhandenen wertvollen Grundbestand vermehrten, begann der zielgerichtete Ausbau der herzoglichen Büchersammlung und ihre Verwaltung durch berühmte Gelehrte, die der Herzog als Bibliothekare berief. Seit dem frühen 18. Jahrhundert wurde die Bibliothek als öffentlich bezeichnet, doch war ein liberaler Zugang erst wirklich gewährleistet, als die Büchersammlung 1766 aus der unmittelbaren Umgebung des Hofes in ihr heutiges Gebäude umsiedeln konnte. Der Bibliothek dadurch eine eigene Entwicklung eröffnet zu haben, ist das Verdienst der jungen Herzogin Anna Amalia. Sie war, aus Wolfenbüttel kommend, bereits mit 19 Jahren Witwe geworden und bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes Carl August am 3. September 1775 Regentin des kleinen Staates. Wegen ihrer Verdienste um die Bibliothek, der sie unter anderem auch ihre reiche Musikaliensammlung hinterließ, wurde sie anlässlich des 300jährigen Bibliotheksjubiläums im Jahre 1991 zur Namenspatronin gewählt.

 

In den folgenden Jahrzehnten nach dem Umzug ins Grüne Schlösschen erlebte die Herzogliche Bibliothek einen raschen Aufschwung, der im Anwachsen der Bestände von etwa 30.000 Bänden im Jahr 1766 auf 132.000 Bände im Jahr 1832 zum Ausdruck kommt. Das Sammelspektrum war von universaler Breite: Geschichte, Kunst und die europäische schöne Literatur waren besonders stark vertreten. 1797 beauftragte Herzog Carl August Goethe und seinen Ministerkollegen Voigt mit der Oberaufsicht über die Bibliothek. Goethe und Voigt reformierten die innere Verwaltung, lösten die Bauprobleme und trugen Sorge für den Erwerbungsetat wie für einzelne bedeutende Anschaffungen. Die Weimarer Bibliothek rückte in der Goethezeit in die Reihe der zwölf bedeutendsten Bibliotheken in Deutschland auf.

 

 

Besonders fortschrittlich war die von den beiden Ministern am 26. Februar 1798 erlassene "Vorschrifft, nach welcher man sich bey hießiger Fürstl. Bibliothek, wenn Bücher ausgeliehen werden, zu richten hat". Da werden die Öffnungszeiten der Leihstelle (zwei Vormittage pro Woche) und die Leihfrist (12 Wochen) festgelegt, aber auch die Zulassung "junger Leute" zur Benutzung erlaubt, sofern Eltern oder Lehrer die Leihscheine unterzeichnen. Tatsächlich gab es unter den 475 eingetragenen Lesern des Zeitraums 1798 bis 1801 etwa drei Dutzend Gymnasiasten. Wenn man in Rechnung stellt, daß Weimar damals nur 6500 Einwohner zählte, war der Anteil der Bibliotheksbenutzer aus der Stadt höher als heute.

 

Im späteren 19. Jahrhundert verlangsamte sich die Entwicklung der nunmehr "Großherzoglichen" Bibliothek. Die Zuwendungen der fürstlichen Familie waren nicht mehr so reichhaltig wie im 18. Jahrhundert. Aus der rapide wachsenden Buchproduktion konnte die Weimarer Bibliothek kaum noch das wissenschaftlich Wichtige erwerben und geriet gegenüber vergleichbaren Bibliotheken ins Hintertreffen. Das Sammelgebiet beschränkte sich mehr und mehr auf die thüringische Geschichte und die klassische deutsche Literatur.

 

Nach Auflösung des Großherzogtums wurde die Bibliothek 1920 in Thüringische Landesbibliothek umbenannt und erhielt auch volksbildnerische Aufgaben übertragen. Die Etatmittel waren in den zwanziger bis vierziger Jahren äußerst gering und mit den Summen anderer Landesbibliotheken überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Im Zweiten Weltkrieg wurden die wichtigsten Bestände ausgelagert, Bücher und Gebäude blieben unversehrt. In den fünfziger und sechziger Jahren übernahm die Thüringische Landesbibliothek die Aufgabe einer sehr breit verstandenen Literaturversorgung von Stadt und Region.

 

Im Zuge einer Strukturveränderung im Bibliothekswesen der DDR wurde das traditionsreiche Haus 1969 mit der kleineren Institutsbibliothek der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar vereinigt. Diese 1954 gegründete Spezialbibliothek verdankte den Kernbestand ihrer Büchersammlungen der Goethe-Gesellschaft und führte den Namen "Zentralbibliothek der deutschen Klassik". Der Name wurde der vereinigten Bibliothek nunmehr übertragen und galt bis 1990/91. In dieser Phase als Zentralbibliothek der deutschen Klassik hat sich die Bibliothek auf das Kernsammelgebiet Deutsche Literatur der Periode 1750 bis 1850 konzentriert und die Funktion einer Regionalbibliothek aufgegeben.

 

Ein großes Ziel der Stiftung Weimarer Klassik ist die Schaffung eines Erweiterungsbaus für die Bibliothek in unmittelbarer Nähe. Zur Zeit befindet sich nur noch ein Fünftel des Bestandes im historischen Gebäude; vier Fünftel sind in verschiedenen Ausweichmagazinen untergebracht. Die Buchbestände müssen in einem konservatorisch geeigneten Magazin zusammengeführt und offene Lesebereiche mit einem großen Freihandbestand eingerichtet werden. Auch die auf mehrere Stellen zersplitterte Bibliotheksverwaltung ist an einem Ort zu konzentrieren. Darüber hinaus ist eine grundlegende Restaurierung des historischen Gebäudes, die seinen Charakter nicht verändert, dringend geboten. Sonst gefährdet die starke Nutzung durch Tausende von Besuchern und durch den Bibliotheksbetrieb die noch vorhandene Substanz einer Institution, die wie keine zweite die literarische Kultur Weimars verkörpert.

 

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18.11.2005
EMC Centera
Historische Schätze - digital gesichert -online verfügbar
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