Next Generation Computing
Mitten drin, in der schönen, neuen IT-Welt
Alltags-Terminals, Grid Computing, Virtualisierung, iSCSI,
ILM oder ECM: die Zukunft des Computing ist schon da
Frank Gens, oberster IDC-Marktforscher, propagiert sie
bereits: die Wiederauferstehung des Technologiesektors. Die Nachfrage nach
Hightech soll zunehmen, weil Anwender ihre dynamische IT effizienter ausnutzen
und ihre Geschäftsprozesse besser unterstützt wissen möchten. In den
Unternehmen sind kostensenkende Technologien und Konzepte wie ILM, ECM oder
iSCSI bereits auf dem Vormarsch. Auch in Forschungslabors und
Entwicklungsabteilungen passiert Einiges, damit die viel gepriesene
Informationsgesellschaft real wird. Immer unauffälliger, einfacher,
leistungsstärker und vor allem bezahlbarer soll demnach die Technik werden, die
uns umgibt und sämtliche Prozesse im privaten sowie geschäftlichen Bereich
steuert.
Meist sind sie noch grau und würfelförmig, manchmal schon
flach, schwarz, schick und selten als Wandbildschirm in ein wohnliches Ambiente
integriert. Die Rede ist von Computern. Die Wissenschaftler des Fraunhofer
Instituts verlassen die Gegenwart und erforschen bereits das Post-PC-Zeitalter.
In dieser Vision haben wir Chipkarten bei uns, die Daten von allgegenwärtigen Mobilien
wie dem Schwarzen Brett in der Firma, den Fahrplan an der Bushaltestelle oder
Terminals der lokalen Zeitung anzapfen. Denkbar ist auch, dass die in Wände
oder Möbel integrierten, unauffällig, trendigen Terminals Passanten an ihrer
Chipkarte erkennen und ihnen Zeichen geben, falls sie passende Informationen
haben. Immerhin ein Szenario, das in einigen Jahren schon wirklich sein könnte.
Doch was verbirgt sich technologisch hinter der gestylten Digitalisierung
unserer unbelebten Umwelt? Wie lassen sich gigantische Mengen an Bits &
Bytes kostensparend verarbeiten, speichern und wieder auffinden?
Hochleistungsrechner und Teraflops
Herkömmliche Betriebssysteme werden diese Herausforderung
nicht bewältigen können. Hochleistungs-Rechner und Anwendungen dringen deshalb
aus dem Schatten der wissenschaftlichen Forschung in die Unternehmen vor. Der
Markt für High Performance Computing (HPC) ist bislang eine Domäne der
klassischen Unix-Derivate, die allerdings zunehmend durch kostengünstige
Linux-Systeme abgelöst werden. Waren Rechnerverbünde zunächst nur auf den
Forschungsbereich ausgerichtet, setzen mittlerweile immer mehr Unternehmen
Hochleistungs-Cluster für komplexe Rechenaufgaben ein, um ihre Kosten
überschaubar zu halten.
Der Rechenkönig mit den meisten Gleitkommarechnungen pro
Sekunde (Teraflops) ist neuerdings nicht mehr der japanische Supercomputer
„Earth Simulator“, sondern der sogenannte Blue Gene/L von IBM. Damit bestätigt
sich der Trend zu Clustern statt zu massiven Systemen. Der Blue Gene ist ein Verbund
von Power-5-Nodes. Clustering, also das Zusammenschließen von Servern,
reduziert deutlich die Kosten hoher Rechenleistung.
Grenzenlos rechnen im Gitter
Der nächste Schritt auf dem Weg zum breit genutzten
Highend-Computing sind virtuelle Supercomputer, beziehungsweise Grids. Im
Projekt „Distributed European Infrastructure for Su-percomputing Applications“
(Deisa) sind vier IBM-Großrechner zusammengeschaltet. Zwei aus Deutschland und
je einer aus Frankreich sowie Italien vereinen mehr als 4.000 Prozessoren und
schaffen eine Leistung von 22 Tflop/s.
Langsam aber sicher findet Grid Computing den Weg aus den
Universitäten in die Unternehmen. Sie suchen händeringend nach Möglichkeiten,
um ihre vorhandenen Ressourcen besser ausnutzen zu können. Genau diesen Effekt
verspricht laut Definition das verteilte Rechnen im Grid. Eine große Anzahl
heterogener und locker miteinander verknüpfter Rechner im virtuellen Verbund
erlauben eine optimale und effiziente Ausnutzung der vorhandenen
Prozessorleistung. Das Konzept füllt dabei die Lücke, die zwischen der
Entwicklung der Prozessor- und der Netzwerkleistung entstanden ist (siehe
Grafik „The Triumph of the Light“). Während sich die Durchsatzraten in modernen
Glasfasernetzen alle 9 Monate verdoppeln, müssen Unternehmen 18 Monate warten,
bis sich, laut Moore’schem Gesetz, die Anzahl der Transistoren auf einem
Speicherchip verdoppelt. Grid Computing macht sich also die rasanten Netze zu
Nutze, um viele Prozessoren zu einem einzigen virtuellen Rechner zusammen zu
schalten. Schon bilden sich erste Herstellerinitiativen wie MegaGrid. Mit
diesem Projekt möchten EMC, Dell, Intel und Oracle die Standardisierung von
Infrastrukturen für Enterprise Grid Computing voran treiben. Während Dell die
Server, Intel die Chip-Technologie und Oracle seine 10g-Umgebung zur Verfügung
stellen, steuert EMC die vernetzte, mehrstufige Storage-Infrastruktur und
Management Software bei. Damit die Grid User tatsächlich Kosten sparen können,
müssen künftig auch die Telekommunikationsanbieter und Netzbetreiber umdenken
und ihre Tarife attraktiver gestalten.
Auch Speichernetze profitieren von Virtualisierung
Wer sich Gedanken über die Zukunft des digitalen Rechnens
macht, kommt an der Virtualisierung ebenfalls nicht vorbei. In den letzten
Monaten ist sie für die Speicherbranche zu einem der bedeutendsten Schlagworte
geworden. Im Kommen sind mehrstufige Speichernetze, die unterschiedliche
Service Levels abbilden können. Dazu müssen die Daten flexibel zwischen den
verschiedenen Storage-Ebenen und -Systemen verschoben werden, ohne die
Verknüpfung zu den Anwendungen zu unterbrechen. Der Schlüssel hierzu heißt
Virtualisierung: Die Technologie trennt die logische Sicht auf Daten und
Datenträger von der physischen Einheit. Die installierten Systeme erscheinen dem
Administrator wie ein einheitlicher Speicherpool, den er flexibel und
bedarfsgerecht aufteilen kann.
Technologien, die Kosten kappen, haben Erfolg
Der Aufbau von Speichernetzen galt bislang als aufwändig und
kostspielig. Seit aber iSCSI (Internet Small Computer Systems Interface) die
teure Fibre-Channel-Technik (FC) ergänzt, können auch kleine und mittelgroße
Unternehmen in die Welt der Storage Area Networks (SANs) einsteigen: das meist
im Unternehmensnetz vorhandene Ethernet-Protokoll erlaubt ohne großen Aufwand
den Aufbau von IP-Speichernetzen für einen zentralen Storage. Sogar für große
Unternehmen, die bereits komplett mit Fibre Channel ausgestattet sind, bietet
sich iSCSI zur Anbindung ihrer Filialen an. Insbesondere die Personalkosten
spielen dem IP-Speicherprotokoll in die Hände. Spezialisten, die sich mit der
Wartung und Pflege von FC-Umgebungen auskennen, sind rar und teuer. Das gilt
gleichermaßen für Fachpersonal, das Backup-Server einrichten und pflegen kann.
iSCSI hingegen muss nicht lange gelernt werden, denn die Basisprotokolle sind
jedem System- und Netzwerkverwalter bekannt.
ILM optimiert Datenverwaltung
Laut Meta Group werden 68 Prozent aller gespeicherten Daten
nicht länger als 90 Tage genutzt. In Unternehmen wird teurer, hochverfügbarer
Plattenplatz noch viel zu häufig mit veralteten Daten verstopft. Information
Lifecycle Management soll hier Abhilfe schaffen. Der Begriff ILM meint im Kern,
dass Alter-, Nutzungshäufigkeit und Inhalte von Daten gewichtet werden müssen.
Aus dieser Klassifizierung lassen sich Regeln für eine differenzierte
Verwaltung und kostengünstige Speicherung ableiten. So könnte eine E-Mail mit
einer Terminverschiebung und einer Auftragsbestätigung im Anhang in zwei Teile
gesplittet werden: der Eine landet am nächsten Tag im Papierkorb, der Andere
bleibt drei Monate online verfügbar, um danach in ein Langzeitarchiv zu
wandern.
Mit der eigentlichen ILM-Umsetzung steht die Branche am
Anfang. Der Markt ist derzeit von einer unüberschaubaren Menge von
Insellösungen geprägt. Andreas Zilch, Chef-Berater beim Marktforscher
TechConsult, fordert: „Die Hersteller von Speicherlösungen sollten konkrete
Einsparpotenziale nachweisen und diese den Anwendern gegenüber auch
garantieren.“
Ein weiteres Thema, das heute und in Zukunft für Unternehmen
und Hersteller von großem Interesse sein wird, ist ECM – Enterprise
Content Management. ECM ist ein Sammelbegriff für Technologien und Produkte,
mit deren Hilfe Unternehmen ihre unstrukturierten Daten wie Dokumente,
Berichte, Bilder oder Rich Media besser managen und deren Wert und Nutzen
steigern können. Im Informationszeitalter wird der schnelle Zugriff auf
relevante Informationen immer wichtiger. So steigt auch der Druck,
Content-Management-Systeme zu implementieren. Eine Studie der Metagroup belegt
diese Behauptung, denn die europäischen Anwender sind sich zunehmend bewusst,
welches Potenzial das effiziente Management ihrer Inhalte bietet und wie viel
Zeit sie oft auf der Suche nach den richtigen Daten vergeuden.
Zukunft als Chance verstehen
Ständig angeführte negativ besetzte Vokabeln wie Datenflut,
Komplexitätsfalle, Kostendruck oder Management-Dilemma spiegeln nur die halbe
Wahrheit wider. Vielleicht sollten wir dem Beispiel des renommierten
Zukunftsforschers Matthias Horx folgen und zur Abwechslung wieder positiv
denken: „Wir befinden uns nicht in einer Endzeit, sondern in einem Übergang.
Die Wissensgesellschaft, die nun als faszinierendes Versprechen vorliegt, ist
die nächste Stufe des zivilisatorischen Abenteuers, die nach der tribalen, der
argrarischen und der industriellen Welt auf uns wartet.“ Mit Technologien wie
Grid-Computing, Virtualisierung und iSCSI sowie Konzepten wie ILM oder ECM
messen Unternehmen ihren Informationen heute schon einen zentralen Wert bei.
Sie bauen zukunftsfähige Informationsumgebungen, um sich auf den Märkten von
morgen behaupten zu können. Die genannten Technologien und Konzepte lassen sich
modular aufbauen und Schritt für Schritt umsetzen. Jede einzelne Phase wirkt
sich so kostendämpfend und komplexitätsschonend aus. Es gibt also viele
Lichtstreifen am Horizont des IT- und Speicher-Marktes. Anstatt dabei ständig
nach dem ultimativen Aufschwung Ausschau zu halten, sollten Unternehmen, die
Chancen nutzen, die ihnen die Informationstechnologie heute schon für die
Entwicklung ihres eigenen Geschäftsbereichs bietet.