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Sie sehen den Artikel: Der Wasserhahn am Rechenzentrum – oder die serviceorientierte IT-Infrastruktur. Veröffentlicht am: 25.09.2007
 
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Virtualisierung und Automatisierung

 

Der Wasserhahn am Rechenzentrum - oder die serviceorientierte IT-Infrastruktur

 

Stellen Sie sich vor, der Bezug von IT-Leistungen wäre so einfach, wie die Benutzung eines Wasserhahnes: Wird mehr Leistung (mehr Wasser) gewünscht, wird der Wasserhahn weiter aufgedreht, wird eine andere Servicequalität (z.B. wärmeres Wasser) benötigt, wird der Heißwasserhahn weiter geöffnet. Die IT-Branche ist tatsächlich auf dem Weg, dieses Wunschbild für die Kunden umzusetzen. Begriffe wie IT-Factory oder IT-Fabrik fallen in diesem Zusammenhang. Wir sind heute allerdings noch nicht soweit, die Wasserhahn-Analogie in der IT bedingungslos umzusetzen. Für Teilbereiche gibt es jedoch bereits bewährte und effiziente Lösungen (wie sie beispielsweise auch beim izn eingesetzt werden). Die grundlegenden Technologien, um den „IT-Wasserhahn" umsetzen zu können sind jedoch in allen Fällen:

* Virtualisierung und

* Automatisierung

 

In diesem Zusammenhang spricht man auch vom „dynamischen Rechenzentrum" oder der „dynamischen Rechenzentrumsinfrastruktur", die es erlaubt, auf geänderte Serviceanforderungen flexibel und effizient zu reagieren. Dass neben der Technologie natürlich auch die richtigen Prozesse und Randbedingungen gegeben sein müssen, werden wir noch sehen.

 

Virtualisierung

 

Das Thema Virtualisierung ist derzeit in aller Munde. Einschätzungen der Marktforscher von Gartner zufolge stellt sie einen der bestimmenden IT-Trends der nächsten Jahre dar. Das war nicht immer so. Nach der ersten Erfolgswelle in den 60er Jahren in der Mainframe-Welt verschwand das Konzept wieder in der Versenkung. Seit einigen Jahren jedoch finden sich viele Spielarten der Virtualisierung, die praktisch jeden Bereich der IT betreffen: vom Arbeitsplatzrechner über Server und Applikationen bis hin zu Netzwerken und Speichersystemen. Kern des Konzeptes ist die Trennung der logischen Sicht auf die Rechen- und Speicherressourcen von der physischen Einheit. Dabei funktioniert Virtualisierung in zwei Richtungen: Erstens in die Unterteilung einer großen Einheit in kleinere (virtuelle) Einheiten. Hier handelt es sich um Partitionierung. Anders herum können viele kleine Einheiten zu einer (virtuellen) großen Einheit zusammengefasst werden, zum Beispiel in Form von Striping/RAID 0 im Storageumfeld oder Grid-Computing/Load Balancing im Computingbereich. Die Technologie verspricht skalierbare, sichere und verwaltbare IT-Infrastrukturen. Im Idealfall werden Applikationen mit Servern und Speichersystemen zu Netzen verknüpft, aus deren Leistung sich die Anwendungen je nach Bedarf bedienen. Das Management der entstehenden abstrakten Großsysteme wird automatisiert. Die systemorientierte IT weicht einer serviceorientierten Architektur.

 

Virtualisierungstechnologien

 

Meist wird der Begriff Virtualisierung im Zusammenhang mit der Konsolidierung von Serverressourcen im x86-Umfeld verwendet. Die zunehmende Digitalisierung von Fachverfahren erfordert ständig neue Rechenleistungen. Mangels funktionierender Virtualisierungstechnologien setzten Behörden und Unternehmen in der Vergangenheit immer neue Server ein, oft für jedes Verfahren einen dedizierten Server, der dann nur zu Bruchteilen ausgelastet ist. Riesige Serverfarmen mit entsprechenden Begleiterscheinungen wie komplexe Administration sowie teure Sicherheits- und Disaster-Recovery-Konzepte waren die Folge. Entsprechend groß ist der Druck, eine Lösung zu finden. Heute ist Servervirtualisierung eine Standardübung, für die es eine Vielzahl von Produkten für jeweils spezifische Aufgaben gibt. Mit einigen Lösungen lassen sich mehrere physikalische Server zu einer logischen Einheit verknüpfen, um Rechenleistung zu bündeln. Die am weitesten reichende Virtualisierung in diesem Sinne sind Grids im wissenschaftlich-technischen Umfeld. Dabei werden Rechenoperationen auf ungenutzte Ressourcen verschiedener Systeme innerhalb eines Netzwerkes verteilt und die Ergebnisse wieder zusammengefasst.

 

Auch für die zweite Virtualisierungsvariante, bei der aus einem physikalischen Server viele kleine logische Einheiten werden, gibt es zahlreiche Produkte mit individuellen Vorzügen. Im Sinne der beiden Varianten der Virtualisierung wird diese immer mehr zu einer Antwort auf die Frage „Welche Serverarchitektur ist die richtige?", die dann nicht mehr notwendig mit dedizierter Hardware beantwortet werden muss. Vielmehr lassen sich nun flexible, den jeweiligen Anforderungen gerechte Strukturen aufbauen. Auf der anderen Seite lässt sich leicht vorstellen, dass solche Strukturen nicht mehr unbedingt einfach zu beherrschen sind - der berühmte „Sack Flöhe" ist hier sicherlich keine falsche Analogie.

 

Automatisierung

 

Die Virtualisierung schafft als Technologie die Vorraussetzungen, um die Wasserhahn-Analogie umsetzen zu können, gleichsam die Wasserspeicher, -boiler, -rohre und -hähne. Für die Umsetzung der Serviceanforderungen (gewünschte Wassermenge und -temperatur) in die Lieferung der Services (fließendes Wasser der gewünschten Qualität)  und die Abrechnung der bezogenen Leistungen (Wasserrechnung) sind jedoch noch weitere Werkzeuge notwendig, um diese Verfahren wirtschaftlich, zuverlässig und einfach bedienbar umsetzen zu können. Hier kommt die Automatisierung ins Spiel. Wie die Virtualisierung ist auch die Automatisierung aus dem Großrechnerumfeld ein alter und bewährter Bekannter, der nun ebenfalls im „Open Systems" Umfeld verstärkt eingesetzt wird.

 

Die Automatisierung hilft damit, die folgenden Herausforderungen in heutigen kundenorientierten Rechenzentren zu lösen:

* Höhere Flexibilität der angebotenen Dienste - nicht nur bei der Bereitstellung neuer Systeme sondern vielmehr für den laufenden Betrieb, also die Möglichkeit im laufenden Betrieb auf geänderte Anforderungen zu reagieren.

* Kapselung der Komplexität - Die Einführung von Virtualisierungstechnologien hat neben den unbestrittenen Vorteilen auch eine zusätzliche Schicht und Komplexität in das Rechenzentrum eingeführt (der bereits genannte „Sack Flöhe"). Die Kapselung dieser Komplexität für einen einfachen und effizienten Betrieb durch entsprechende Werkzeuge ist notwendig.

* Dynamisierung der IT-Infrastrukturschicht - Die Virtualisierung auf die IT-Infrastrukturebene (Netzwerk, Storage, Server) übergreifend und zusammenfassend anzuwenden und so eine dynamische und automatisierte, jeweils den Service-Anforderungen gerechte IT-Infrastruktur zu erhalten.

* Energieeffizienz - Die „grüne IT" ist eines der wichtigen IT-Themen heute. Neben dem „grünen" Askpekt dieses Themas der uns alle betrifft, steht daneben auch der ganz profane monetäre Aspekt für jeden Betreiber von IT. Jährliche Einsparungen in signifikanter Höhe sind hier realisierbar.

 

Hierbei bilden die operativen Themen „Flexibilität", „Kapselung der Komplexität" und „Dynamisierung" die Grundlage, um ein serviceorientiertes und energieeffizientes Rechenzentrum aufbauen und betreiben zu können. Wenn man über dynamische IT-Strukturen spricht, ist „anforderungsgerechte IT-Infrastruktur" das wesentliche Stichwort. Anforderungen an die IT können vielfältiger Natur sein. Diese sind heute in der Regel in den Service Level Agreements (SLA) zwischen IT und Kunde festgehalten. Zusätzliche (operative oder wirtschaftliche) Anforderungen an die IT (wie z.B. Reduktion des Energieverbrauches) können über die Preiskomponente der SLA geregelt oder auch durch interne SLA-konforme Maßnahmen umgesetzt werden.Hierdurch ergeben sich in der Praxis im Wesentlichen zwei Möglichkeiten, den Serviceanforderungen gerecht zu werden bzw. die IT auf die angefragten Services hin zu optimieren:

* Neue oder wechselnde Anforderungen durch die Kunden (z.B. Bereitstellung eines neuen Internet-Servers oder Bedarf an mehr Performance für das Haushaltwirtschaftssystem). Diese können durch die Dynamisierung und Automatisierung der vorhandenen Infrastruktur schnell und flexibel umgesetzt werden. Die Serviceanforderungen werden also schnell erfüllt und die Erfüllung kann gemessen und verrechnet werden.

* Effiziente Bereitstellung der IT-Leistung. Häufig sind die IT-Infrastrukturen auf die maximalen Anforderungen (Lastspitzen, „Peaks") der Nutzer  ausgelegt (Heißwasserhahn ganz aufgedreht, nicht genutztes Wasser läuft ungenutzt in den Abfluss). Einige Softwarehersteller setzten dieses Designkriterium für Ihre Produkte sogar voraus. In der Praxis findet man jedoch nur selten Betriebssituationen in denen alle Services 24x7 mit voller Leistung zur Verfügung gestellt werden müssen, obwohl die IT-Landschaft hierauf ausgelegt ist. Auch hier kann eine Dynamisierung der IT helfen die Last so zu verteilen, das die Gesamtkapazität der Infrastruktur geringer ausfallen kann. Allerdings sind hier heute noch die bereits genannten Designkriterien der jeweiligen Hersteller zu berücksichtigen - ein beginnendes Umdenken am Markt ist jedoch bereits erkennbar.

 

Insbesondere aus dem letzten Punkt ergibt sich die Möglichkeit im Rahmen eines dynamischen Rechenzentrums die jeweils tatsächlich bereitzustellenden Services so auf wenigen Systemen zusammenzufassen (z.B. nachts), dass nicht benötigte Systeme abgeschaltet (Stromeinsparung) oder gewartet werden können, ohne dass die SLAs verletzt werden. Der Warmwasserbereiter im häuslichen Umfeld wird schließlich nachts in der Regel auch heruntergeregelt.

 

Dass all die notwendigen Aktionen für die Dynamisierung und Flexibilisierung in heutigen verteilten und komplexen Infrastrukturen kaum mehr fehlerfrei und effizient manuell durchführbar sind, steht außer Frage - ein Werkzeug muss her!

 

Hier angekommen stellt man sich - wie immer bei einer Werkzeugauswahl - die Frage, soll es das Universalwerkzeug sein (Framework), welches alle Systeme direkt bedienen kann oder ist es sinnvoller an zentraler Stelle ein schlankes System einzusetzen, welches über entsprechenden Schnittstellen die jeweiligen Herstellerwerkzeuge steuern kann? Wer sich bereits mit der Auswahl von Netz- und Systemmanagementwerkzeugen beschäftigt hat, kennt diese Frage und weiß auch, dass es keine allgemeingültige Antwort hierauf geben kann. Vor dem Hintergrund der Vielfalt und Spezialisierung der jeweiligen Managementwerkzeuge für die IT-Komponenten (von der Virtualisierung im x86 und Unix-Bereich, über Werkzeuge für das Management von SAN und NAS-Umgebungen bis hin zu den Netzwerkkomponenten) scheinen aktuell schlanke Automatisierungswerkzeuge im Sinne eines „Umbrella-Managements" die sinnvollere Wahl zu sein. Auch vor dem wirtschaftlichen Hintergrund (Return on Investment) kann es sinnvoller sein, kleine schlanke Lösungen zu implementieren, die die häufig schon vorhandenen Management-Systeme wie CA Unicenter entsprechend ergänzen.

 

Werkzeuge - und was noch?

 

Es wurde weiter oben bereits angedeutet - mit dem Einsatz eines Werkzeuges zur Automatisierung und Virtualisierungstechnologien alleine ist es nicht getan. Neben der Anforderung, auch eine heterogene IT-Landschaft zu unterstützen (die heute noch Realität ist und es absehbar auch bleiben wird), ist dennoch vor der Einführung von Automatisierungswerkzeugen zur Servicesteuerung eine weitgehende Standardisierung der IT-Landschaft anzustreben. Die Integration der Systeme kann sonst leicht unwirtschaftlich oder der Betrieb der Gesamtstruktur ineffizient oder fehleranfällig werden.

 

Der zweite wichtige Punkt ist an sich trivial aber nur selten in der Praxis vorzufinden: Die Kenntnis der eigenen IT-Landschaft. Insbesondere die Kenntnis und Abbildung der Zusammenhänge zwischen Services und IT-Komponenten. Wer sich bereits mit Notfallplänen oder Risikobewertungen beschäftigt hat, dem sind die Verfahren dazu bekannt, wer gar eine Configuration Management Database (CMDB) eingeführt hat und diese im Rahmen der Betriebsprozesse pflegt, sollte hier bereits auf die notwendigen Informationen zugreifen können.

 

Drittens hilft natürlich ein Automatisierungswerkzeug nicht über das Fehlen eigener Prozesse zur Steuerung hinweg - auch hier gilt, ein Werkzeug kann diese Prozesse nur unterstützen und die Schnittstellen bedienen. Speziell in diesem Zusammenhang sind noch einmal die Prozesse für Change, Configuration und Capacity Management zu nennen. Wer zudem die Nutzungsdaten der Services auch zur Verrechnung der Kosten und Leistungen nutzen will, muss sich auch mit den Prozessen zur Kostenleistungsverrechnung auseinander setzen (Accounting bzw. Pricing nach ITIL). Im Zusammenhang mit den Prozessen und der zentralen Steuerung der IT-Prozesse gilt es auch, sich Gedanken über die eigene organisatorische Aufstellung zu machen. Es stellt sich häufig heraus, dass die klassische „Säulenorganisation" („Mainframe", „Windows", „Unix", „Netzwerk", „Storage") für diese Zwecke nicht immer adäquat ist.

 

Zu guter Letzt ein scheinbar trivialer Punkt - steuert das Werkzeug tatsächlich das, was die Kunden wollen (fließendes warmes und kaltes Wasser oder genügt dem Kunden manchmal auch der Waschzuber mit Schöpfkelle?) oder steuert es das, was technisch machbar ist? Diese Fragestellung sollte man mit der Chance verbinden, die IT-Services darauf hin zu überprüfen, ob diese tatsächlich kundenorientiert sind. Denken die Kunden beispielsweise in TpmC-Werten, in Gigabyte oder eher in „Beihilfeantrag bearbeiten", „Grundbucheintrag archivieren" oder „Fahndung veröffentlichen"? Gegebenenfalls kann hier ein Servicemanager die Übersetzerrolle wahrnehmen, um tatsächlich das zu automatisieren, was die Kunden dynamisch fordern. Übersetzungsfehler sind  jedoch nicht auszuschließen.

 

Zusammenfassung

 

Das vollständig serviceorientierte dynamische Rechenzentrum ist heute noch eine Vision, die notwendigen Technologien stehen jedoch zur Verfügung und werden in Teilbereichen bereits erfolgreich eingesetzt. Das Projekt PRITON und die IT-Fabrik des izn sind damit auf dem richtigen Weg!

In diesem Sinne - Wasser marsch!

 

Autor:

Dirk M. Schiller, Practice Leader Server Computing Solutions, Computacenter AG & Co. oHG

 

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