IP-Telefonie eröffnet neue Horizonte
Autor:
Jens Hirsch, Business Leader Unified Communication Solutions
In den 130 Jahren seit der ersten Sprachübertragung über eine
Drahtverbindung durch Graham Bell im Jahr 1876 hat sich die Telefonie als eine
der wichtigsten Anwendungen für Unternehmen etabliert. Ohne Telefon geht heute
nichts mehr. Doch nun hat sich ein ernsthafter Konkurrent zur klassischen
Telefonie ertabliert: Voice over IP (VoIP). Die Sprachübertragung auf Basis des
Internetprotokolls (IP) existiert bereits seit Mitte der 1990er Jahre. Doch
erst in den letzten zwei bis drei Jahren ist die Technologie ausgereift und für
die betriebliche Praxis relevant geworden. Die Vorteile im Betrieb und die
Flexibilität haben bewirkt, dass seitdem Unternehmen erstaunlich schnell VoIP
angenommen haben. Wichtigster Treiber sind dabei Nebenstellenanlagen auf
VoIP-Basis. Die IT-Leiter versprechen sich davon geringere Kosten für die
Ablösung von Altanlagen, auch die bessere Integration von Telefonie und
Anwendungen spielt eine bedeutsame Rolle. Laut einer Studie von Berlecon
Research benutzen 34 Prozent der befragten Unternehmen bereits heute VoIP,
weitere 29 Prozent planen den konkreten Einsatz. Im zweiten Quartal 2005 hatten
IP-fähige Telefonielösungen schon einen Marktanteil von über 50 Prozent an
Neuverkäufen. Für das Jahr 2010 prognostizieren die Marktforscher von iSuppli
für IP-Telefonie ein Volumen von weltweit rund 20 Mrd. US-Dollar, davon die
Hälfte im Unternehmensbereich. 2008 werden laut Radicati Group schon 44 Prozent
aller Unternehmen weltweit ihre Gespräche über VoIP führen und über 260
Millionen Anschlüsse installiert sein.
Anbieter im deutschen Telefoniemarkt
Für diesen Wachstumsmarkt haben sowohl Hersteller aus der
klassischen Telefonie, als auch Seiteneinsteiger aus der Netzwerk- und
Servertechnik ausgereifte Unternehmenslösungen entwickelt. Die verschiedenen
Anbieter verfolgen dabei unterschiedliche Ansätze. Siemens etwa, mit seinen
TK-Anlagen Marktführer in Deutschland, konzentriert sich vornehmlich auf die
Migration und bietet hauptsächlich Hybridanlagen an. Das sind TK-Anlagen, die
mit Hilfe von IP-Line-Cards IP-fähig gemacht werden. Dadurch eröffnen sie einen
kostengünstigen Weg zur Anbindung von IP-Endgeräten an vorhandene TK-Anlagen.
Auf reine IP-Lösungen setzt dagegen der Netzwerkriese Cisco,
der damit in Deutschland im Segement für IP-Telefonie bereits einen Marktanteil
von rund 30 Prozent erreicht. Die Kompetenz in der Netzwerk-Technik verschafft
Cisco in Teilbereichen einen großen Vorsprung vor Wettbewerbern aus der
klassischen Telefonie. Dazu gehört beispielsweise die Absicherung des gesamten
Daten- und Telekommunikationsnetzes in der Self-Defending-Network Architektur
und die Mobilität der Nutzer von Telefonie- und Datenanbindung in der
WLAN-Infrastruktur. So nutzt Cisco gezielt die Intelligenz der
Netzwerkkomponenten, um die Ressourcen dort zur Verfügung zu stellen, wo sie
benötigt werden.
Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich Hersteller wie
Alcatel, Avaya Tenovis oder Nortel, die alle drei Technologien (TK-, Hybrid-
und IP-Anlagen) unterstützen. Namentlich Alcatel bietet ausgereifte Lösungen
für alle drei Bereich an und verfügt damit über eine starke
Migrationsstrategie. Nortel, weltweit Marktführer im Telefoniemarkt, ist
tonangebend als Anbieter von IP-Lösungen für Serviceprovider, während Avaya
besonders im Bereich Kontaktcenter eine starke Marktposition behauptet.
Aufgrund der Unterschiede zwischen europäischen und nordamerikanischen
Unternehmen im Umgang mit dem Telefon ist auch das Funktionsangebot sehr
unterschiedlich. Vor allem Sekretariatsfunktionen, die in Europa gerne genutzt
werden, sind bei US-Anbietern meist nicht zu haben.
VoIP im Unternehmen
Der Oberbegriff VoIP beschreibt prinzipiell zunächst nur einen
Transportmechanismus für Sprache in IP-Netzwerken. Vereinfacht gesagt werden
dabei Sprachsignale in kleine Pakete aufgeteilt, mit einer IP-Zieladresse
versehen über das Netz verschickt und beim Empfänger wieder zu einem
Sprachsignal zusammengesetzt. Ob als Transportmedium das Internet oder
geschlossene Datennetze von Unternehmen genutzt werden, macht technisch keinen
Unterschied. Aufgrund der Unwägbarkeiten des Internets, was Sicherheit,
Verfügbarkeit und Qualität der Sprachübertragung betrifft, spielen in der
betrieblichen Praxis für VoIP aber nur Übertragungswege wie LAN, WAN oder VPN
eine Rolle.
Nutzt ein Unternehmen das firmeneigene, ausfallsichere
Datennetz und legt seine IP-Telefonieanlage redundant aus, erreicht die
Technologie eine Verfügbarkeit von 99,99 Prozent - kaum weniger als bei
TK-Anlagen. Die Qualität der Sprachübertragung schließlich wird durch Quality
of Service (QoS)-Verfahren gesichert. QoS kann durch Priorisierung der
Sprachdaten, Bandbreitenreservierung, Bandbreitenlimitierung und
Paketoptimierung realisiert werden. Aufgrund der geringen Bandbreite, den die
IT-Telefonie benötigt, wird dabei der übrige LAN-Verkehr kaum beeinträchtigt.
Gegen Malware-Angriffe schützen wirksam Technologien aus der Datenwelt, also
Firewalls, Virenscanner oder Systeme für Intrusion Detection/Protection. Durch
Datenverschlüsselung lässt sich die IP-Telefonie überdies einfacher abhörsicher
machen als eine Telefonleitung.
Welche Möglichkeiten gibt es?
Für den Einstieg in die VoIP-Technologie stehen Unternehmen
verschiedene Wege offen. Entweder sie entscheiden sich dafür, sämtliche
Telefonieservices und -applikationen über ihre IP-Infrastruktur zu betreiben,
also für eine reine IP-Telefonie. Alternativ können sie auf eine sanfte
Migration setzen, indem sie Hybridlösungen nutzen oder IP-Telefonie neben einer
bestehenden TK-Anlage parallel aufbauen. Welcher Weg für ein Unternehmen der
richtige ist, hängt von mehreren Faktoren ab.
In der Anschaffung ist eine durchgehende IP-Telefonielösung
zunächst teurer als eine TK-Anlage. Zu Buche schlagen ein zusätzlicher Server
mit entsprechender Software (Soft-PBX), der als IP-Telefonieserver die
Übersetzung von Telefonnummern in IP-Adressen, die Anrufsignalisierung, Zugriffskontrolle
sowie Gesprächsdatenerfassung übernimmt. Hinzu kommt das Voice-Gateway - ein
Switch, der die Verbindung zwischen LAN und öffentlichem Telefonnetz oder
anderen Netzen herstellt. Und schließlich wird an jedem Arbeitsplatz ein
Telefon mit Ethernet-Schnittstelle oder ein PC mit Sprachapplikation als
IP-Endgerät benötigt. Größter Kostenfaktor sind dabei die digitalen
Signalprozessoren (DSP), die im Voice-Gateway die IP-Pakete in digitale Signale
umwandeln.
Bei näherem Hinsehen relativiert sich der Kostennachteil der
IP-Telefonie. Handelt es sich um eine vollständige Neuinstallation wie in einem
Neubau, entfällt der Aufbau eines separaten Telefonnetzes, da die IP-Telefonie
als Übertragungsweg das Datennetz nutzt. Das Einsparpotenzial ist umso höher,
je größer die Zahl der anzuschließenden Teilnehmer ist. Dabei fällt nicht nur
die weniger aufwändige Verkabelung ins Gewicht, sondern auch die hohe
Skalierbarkeit von IP-Telefonie. Ein einziger Telefonieserver unterstützt bis
zu 2.000, eine IP-Telefonieanlage mit Servercluster maximal 30.000 Nutzer.
Erfolgt eine Installation über mehrere Standorte eines
Unternehmens hinweg, muss nicht - wie bei TK-Anlagen - für jeden Standort das
gesamte Equipment beschafft werden: Dank der Client-Server-Architektur von
IP-Telefonie können Voice-Gateways und Server dezentral und unabhängig
voneinander betrieben werden, so dass nicht jeder Standort eine eigene
Infrastruktur benötigt.
Während bei den Installationskosten von Fall zu Fall
gewichtet werden muss, ist die IP-Telefonie bei den Betriebskosten den
TK-Anlagen in jedem Fall überlegen. Der Wegfall eines separaten Telefonienetzes
und die einfache Handhabung und Administration bei Änderungen und Erweiterungen
der Konfiguration führen zu deutlich niedrigeren Kosten. Vor allem sind die
Unternehmen nicht mehr an die teuren Wartungsverträge der Hersteller von
TK-Anlagen gebunden und können viele Aufgaben selbständig übernehmen. Auch bei
der Einbindung zusätzlicher Applikationen ist die IP-Telefonie deutlich
günstiger – ganz zu schweigen von den Möglichkeiten für beispielsweise
Collaboration- oder ERP-Lösungen, die sich durch die Integration von Sprach-
und Datendiensten in einer Infrastruktur ergeben. Bei TK-Anlagen sind für die
Integration von Anwendungen Dritter aufgrund der proprietären Architektur und
Kommunikationsprotokolle eigens entwickelte Schnittstellen erforderlich, für
die hohe Entwicklungskosten und zusätzliche Lizenzgebühren anfallen. Dieser
Aufwand entfällt beim standardbasierenden VoIP völlig. Auch bei den Endgeräten
ist der Anwender nicht mehr an einen Hersteller gebunden, sondern kann
herstellerunabhängig wählen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der
Telefonieserver Standards wie H.323 oder SIP unterstützt.
Alternative: Hybridlösung
Unter dem Gesichtspunkt des Investitionsschutzes ist es nicht
immer angeraten, eine TK-Anlage sofort vollständig abzulösen. Hier bieten sich
Hybridlösungen für den schrittweisen und kostengünstigen Einstieg in die
IP-Technologie an. Die Betriebskosten von Hybridlösungen sind aber höher als
bei der reinen IP-Telefonie. Kosteneinsparungen gegenüber TK-Anlagen ergeben
sich vor allem durch die weniger aufwändige Verkabelung und die einfache
Handhabung von "Moves, Adds & Changes". Kostenintensiv bleibt
dagegen die Einbindung zusätzlicher Applikationen und Funktionalitäten.
Wichtig für die Entscheidung für oder gegen IP-Telefonie ist
außerdem, welche Anwendungen und Dienste mit der Lösung tatsächlich realisiert
werden sollen. TK-Anlagen bilden heute eine schier unüberschaubare Vielzahl
unterschiedlicher Funktionalitäten ab. Für viele Unternehmen sind diese
ausreichend, so dass kaum Anlass zum Umstieg auf IP-Telefonie besteht. Anders
sieht es aus, wenn künftig mit einer wachsenden Zahl von Teilnehmern im
Telefonnetz zu rechnen ist. Oder wenn auf der Agenda über kurz oder lang Themen
stehen wie Computer-Telefon-Integration (CTI), Unified Messaging, Customer
Relationship Management (CRM) oder die Integration von E-Commerce- und
Internetanwendungen, von Videokommunikation und von multimedialen
Callcenter-Funktionalitäten. Dann führt eigentlich kein Weg mehr an
IP-Telefonie vorbei.
Wartung und Administration
Für alle drei Varianten können der Service und die Hardware
in verschiedenen Kombinationen angeboten werden. Beim kundeneigenen Management
erwirbt ein Unternehmen die Telefoniehardware und betreibt sie eigenständig.
Durch die Auslagerung einzelner aufwendiger Services (bzw.
Remote-Netzwerk-Management) kann das Unternehmen an Personalaufwand sparen.
Möchte der Kunde alle Betriebs- und Wartungsschritte outsourcen, kann er die
Bereitstellungsform Managed Services wählen. Dabei verbleibt die
Telefonieanlage weiterhin am Standort des Unternehmens, kann jedoch auch
geleast werden.
Hosted Services bieten sich in erster Linie für IP-Telefonie
an, da die Telefonieanlage unabhängig von der Lokation der Endgeräte betrieben
werden kann. Mit Hilfe der Hosted Services können Unternehmen die Vorteile der
IP-Telefonie im Betrieb und bei neuen Anwendungen nutzen und gleichzeitig die
höheren Anschaffungskosten vermeiden. Letztlich ergeben sich Effizienzgewinne,
weil ein einziger Servercluster aufgrund seiner hohen Skalierbarkeit von
mehreren Kunden genutzt werden kann.
Managed wie Hosted Services haben für Kunden den Vorteil,
dass nur noch eine Schnittstelle zu einem Dienstleister wie Computacenter
existiert. Das vereinfacht die Einführung neuer Technologien und
Sicherheitsstandards. Ein weiterer Vorteil ist die hohe Kostentransparenz: In
der monatlichen Abrechnung werden alle Kosten sichtbar, auch für Wartung und
Betrieb. Damit weiß das Unternehmen immer bis auf den Cent genau, was es für
Telefonie ausgibt. Auch für kleinere Unternehmen, die intern über keine
Ressourcen für das Management einer solchen Lösung verfügen, wird IP-Telefonie
durch solche Betriebsmodelle zu einer interessanten und günstigen Lösung.